Freiburg, 2006

Education for Freedom : Lernen freie Kinder genug? Ich habe vielen Schulen in vielen verschiedenen Ländern besucht, wo die Kinder selbst entscheiden, was sie studieren wollen. Es gibt die Demokratische Schule von Hadera in Israel für Kinder von drei bis achtzehn Jahre alt, in der es einen sehr reichen Stundenplan von Angebote gibt, aber jeder Schüler entscheidet für sich selbst, welche Angebote er annehmen will – oder auch nicht. In den 70er Jahren hatte jeder von 1400 Schüler in Countesthorpe College, eine öffentliche Schule in England für 14 bis 18 jährige, einen individuellen Stundenplan, wovon ungefähr die Hälfte für eigene Projekte reserviert war. In Sudbury Valley School in Massachusetts gibt es keinen Stundenplan. Wenn man etwas lernen will, muss man entweder allein studieren, oder irgendeinen anderen auftreiben, sei es einen Erwachsenen oder ein Kind, der einem helfen kann. Tokyo Shure, eine Schule für Schulverweigerer, in der man gar nicht in die Schule kommen muss, ist einfach den ganzen Tag offen, und man geht hin, wenn man will. Dort gibt es aber einen Stundenplan, in dem alles steht, worum die Schüler selbst gebeten haben – solange sich genug Schüler dafür interessieren.

In allen diesen Schulen gibt es sehr viel Zeit zum Spielen und zum Plaudern.

In diesen Schulen sieht man auch verschiedene Arten von Demokratie. Gewöhnlich gibt es eine Schulversammlung, in der alle Schüler und Lehrer gemeinsam diskutieren, und wenn es zu einer Abstimmung kommt, hat jeder eine Stimme. Diese Schulversammlungen sind unterschiedlich strukturiert. So sind zum Beispiel die Versammlungen in Sudbury Valley sehr formell. Das Protokoll ist sorgfältig verfasst, und jede Entscheidung muss in zwei aufeinderfolgenden Versammlungen getroffen werden. In einer anderen Schule in Amerika, in der Jerry Mintz gearbeitet hat, haben sie einen Brauch von den Indianern geborgt: nach einer Entscheidung konnte irgendeiner, der dagegen war, seine Meinungen erläutern und eine neue Abstimmung verlangen. In einigen Schule kommen fast alle Schüler und Lehrer in wöchentlichen Versammlungen zusammen. In Tamariki/ Neuseeland, gibt es nur selten Versammlungen für die ganze Schule, sondern häufig kleine Zusammentreffen von kleinen Gruppen, um Konflikte zu lösen. In anderen Schulen gibt es wöchentliche Versammunlungen, an denen aber nur jene teilnehmen, die sich dafür interessieren. Stets wichtig ist, ist, dass diese Versammlungen wirklich die Macht haben, echte Entscheidungen zu treffen; sie müssen nicht nur Vorschläge machen. Wie es in einer Broschüre von Sands School in England steht, übernimmt die Schulversammlung alle Verantwortungen, die normalerweise der Schulleiter hat.

Schüler in solchen Schulen sind fast alle glücklich und selbstbewusst.

Education for Freedom : Lernen freie Kinder genug?

Ja, ja sagen die Kritiker. Natürlich sind Kinder glücklich, wenn sie viel Zeit zum Spielen haben, aber lernen sie was? Wäre es nicht besser, nicht so glücklich zu sein, und mehr zu lernen? Was geschieht, wenn solche Schüler die Schule verlassen müssen, und sich in der grossen, weiten, bösen Welt befinden?

Ich möchte versuchen, einige Antworten darauf zu formulieren.

Es gibt zwei Argumente, die ich dazu benötige.

Das erste ist eine Gegenkritik. Das zweite ist keine wissenschaftlichen Forschung sondern einige wahrhaftige Beispiele aus dem Leben früherer Schülerinnen und Schüler.

Zuerst, die Gegenkritik.

Leute, die glauben, dass Kinder, die die ganze Zeit spielen, nichts lernen, haben vergessen, dass Kinder die ganze Zeit lernen, genau so sie gehen und sprechen gelernt haben. Zwei Dinge, die Kinder vom Lernen zurückhalten, sind Langeweile und Angst, und herkömmliche Schulen sind bezüglich Langeweile und Angst wirkliche Experten. Denken Sie an Ihre eigene Schulzeit zurück. Haben Sie nicht viele viele Stunden verbracht, indenen Sie auf Lehrer warten mussten? Oder in der Klasse sassen, ohne im Wenigsten darauf aufzupassen, was der Lehrer sagte, oder versuchen mussten, Listen zu lernen, die für Sie von keinerlei Interesse waren? Und hatten Sie nicht auch oft Angst? Vor dem Lehrer, vor dem Blössgestelltwerden, vor dem Zuspätkommen?

Selbst wenn Sie sehr erfolgreich in der Schule waren, viel spannendes gelernt haben und sich manchmal auf besondere Klassen gefreut haben, haben Sie nicht auch sehr viel Zeit verschwenden müssen?

Vor kurzem habe ich mir die folgende Frage gestellt:

Was kann ich jetzt, das ich in der Schule gelernt habe, und das mir wirklich nützlich gewesen ist?

Von dreizehn bis achtzehn war ich in Eton College, der berühmtesten Schule Englands, wo die Uniform ein Frack ist, und viele spätere Premierminister erzogen worden sind. In Eton lernte ich vieles, was nicht stimmte. Ich lernte zum Beispiel, dass ich nicht begabt für Musik war und weder singen noch Klavier spielen konnte. Ich lernte, dass ich nicht viel wert war, weil ich kein Sportler war. Ich lernte, dass es wichtiger ist, den ungeschriebenen Regeln der Studenten zu gehorchen, als den geschriebenen Regeln der Schule. Ich lernte: wer Macht hat, braucht nicht gerecht zu handeln.

Education for Freedom : Lernen freie Kinder genug?

Eine kleine Geschichte dazu. Ein Lehrer, namens Mr. Rowe - es ist bedeutsam, dass ich mich an seinen Namen erinnere - hatte eine grosse Zeichnung, die ich in einer Naturwissenschaftsstunde gemacht hatte, zusammengeknüllt und in den Papierkorb geworfen. Er sagte, es hätte keinen Namen darauf gestanden. Ich beklagte mich und sagte ihm, dass mein Name doch auf der Zeichnung stünde. Ich musste vor die Klasse treten und meine Zeichnung aus dem Papierkorb heben und auf einem Tisch ausbreiten. Da stand oben rechts mein Name. "Zu klein," sagte der Lehrer, und ich musste zurück zu meinem Platz.

Und noch eine Geschichte. In einer anderen Wissenschaftsstunde bei Mr. Morris war mir schlecht und ich hob die Hand. Mr. Morris sprach einfach weiter und ich stand auf und ging vor die Klasse und stand vor ihm, die Hand immer noch hochgestreckt. Er ignorierte mich und sprach weiter. "Herr Lehrer," sagte ich, "mir ist schlecht." Keine Reaktion. Ich lief zur Tür und kotzte. Mr. Morris sah mich an, wandte sich an die Klasse und sagte, "Das war ein perfektes Beispiel von retrograder Peristalsik." Ich kenne den Ausdruck noch auf Englisch.

Eton war natürlich eine altmodische Schule, und wir mussten mehr lernzeit mit Lateinisch und Griechish verbringen, als für alle anderen Fächer zusammen. Ich habe fast alles vergessen. Ich habe auch Deutsch studiert - Aha, das ist gelungen, werden Sie hoffentlich denken - aber nein, es war nicht gelungen. Obwohl ich meine Prüfungen bestand, wagte ich es nicht, als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam, Deutsch zu sprechen. Ich konnte ein bisschen lesen und übersetzen, und ich wusste "liegen, liegt, lag, gelegen" zu sagen, und "schwimmen, schwimmt, schwamm, geschwommen", aber das war nicht, was ich für alltägliche Gespräche brauchte.

Ich habe auch einige Listen gelernt, wie zum Beispiel "Durch, für, ohne, gegen, wider, um," die Präpositionen, die man immer mit Akkusativ braucht, und auch "The spirit of god and the body of man and the worm in the place at the edge of the wood". Wenn man diese Wörter auf deutsch übersetzt, hat man eine Liste von den männlichen Substantiven, die die Mehrzahl mit -er und womöglich mit Umlaut formen. Wenn ich später zögere, werden Sie verstehen, dass ich eine von diesen Listen schnell überprüfe, um keinen Fehler zu machen.

Das habe ich gelernt, aber es war meistens gar nicht nützlich. Also, was habe ich wirklich Nützliches in der Schule gelernt?

Lesen, schreiben und rechnen - aber ich habe viel mehr Mathe in der Schule gelernt, als ich je benutzt habe.

Deutsch und Französisch - aber wie gesagt, als ich mein Abitur gemacht hatte, wagte ich es nicht ein Wort zu sagen.

Klavierspielen - aber ich habe auch gelernt, dass ich nicht Klavier spielen konnte, was eigentlich nicht stimmte.

Geschichte? Als ich neun Jahre alt war, interessierte mich sehr für Geschichte. Als ich vierzehn Jahre alt war, war Geschichte das Fach, das ich am meisten hasste.

Geographie? In Eton stand Geographie nicht auf dem Stundenplan, um mehr Zeit für Lateinisch und Griechisch zu haben.

Naturwissenschaft? Ich verstehe den Ausdruck "retrograde Peristaltik". Sonst ein klein wenig Physik, z. B. über Magneten, Licht und Hebelkraft, was ich in einer Stunde hätte lernen können.

Und was habe ich gelernt, das mir wirklich nützlich gewesen ist, das ich nicht in der Schule gelernt habe?

Als Vater meine Kinder zu begleiten.

Kochen.

Autofahren.

Musik schreiben.

Saxophon spielen.

Lieder komponieren.

Verschiedene Kartenspielen.

Einen Schrank zusammenzubasteln und nachher anzumalen.

Lehren - ich bin nie als Lehrer trainiert worden.

Kreuzworträtsel erfinden.

Bücher schreiben.

Und in der Schule hatte ich gelernt, dass ich nur ein kluger Clown war, nicht viel wert, und als ich achtzehn Jahre alt war, hatte ich wenig Selbsvertrauen, wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen wollte, las selten ein Buch und ahmte in bezug auf Kleider, Interessen und Lebensweise meine Freunde nach. Ich fühlte mich abenteuerisch, wenn ich eine Fliege trug oder wagte in ein Jazzclub zu gehen. Kein Abiturient von einer demokratischen Schule wäre so unsicher und so naiv gewesen.

Aber, sagt der kritische Mensch, Kinder müssen doch ihre eigene Kultur kennen lernen, und dazu müssen sie Geschichte und Geographie und Naturwissenschaft und alle andere Fächer studieren. Sonst werden sie nicht weiterkommen, wenn sie mit der Schule fertig sind. Und ich antworte, dass ich nur sehr wenig Geschichte und Naturwissenschaft und Geographie in der Schule gelernt habe, weil ich so viel Lateinisch und Griechisch lernen musste, und bin doch ziemlich gut weitergekommen.

Das Lateinisch und das Griechisch habe ich ausserdem meistens vergessen.

Education for Freedom : Lernen freie Kinder genug?

 

Mein Kritiker hat auch folgendes übersehen: wenn ein Lehrer etwas lehrt, heisst das nicht, dass seine Schüler es lernen. Obwohl ein Lehrer seine Schüler alles gelehrt hat, was sie für eine Prüfung brauchen, werden einige doch durchfallen. Als mein jüngster Sohn acht Jahre alt war, hat er erklärt, "Als ich sechs Jahre alt war, hat meine Lehrerin mir lesen beigebracht, aber es hat nicht geklappt." Meine viele verschiedene Geschichtslehrer haben mir Geschichte gelehrt, aber was ich gelernt habe, war nur, dass ich mich nicht für Geschichte interessierte.

Viele Erwachsene finden es schwer zu glauben, dass Kinder irgendetwas ohne Hilfe eines Lehrers lernen können. Wenn Kinder spielen, glauben sie, lernen sie nichts. Wenn sie auf der Schulbank sitzen, und ein Lehrer redet, so lernen sie was.

Ich war eine Woche in Tamariki, der Schule in Neuseeland, die ich schon erwähnt habe,. Eine meiner vergnüglichsten Erfahrungen ergab sich aus der Begeisterung einer Gruppe acht- bis zehnjährige Mädchen für eine Videoaufnahme der BBC-Produktion von Stolz und Vorurteil, von Jane Austen. Ein Mädchen hatte sie in die Schule mitgebracht, und alle hatte sie mehrere Male gesehen. Sie kannten die Geschichte und die Charaktere gut; also hatten sie beschlossen, ihre eigene Videoaufnahme zu machen. Da ich in der Schule war und Klavier spielen konnte, beschlossen sie, die Ballsaalszene sofort zu drehen. Das erste war, sich entsprechend anzuziehen, und mit dem üblichen zufällig vorhandenen Kleidervorrat, den es in der Schule gab, gelang es ihnen, eine überraschende Übereinstimmung mit den Moden von der Zeit von Jane Austen zu erzielen. Sie stellten sich in zwei Reihen im Versammlungsraum auf, und ich sass am Klavier. Tanzmusik aus dem frühen 19. Jahrhundert ist nicht gerade das, was ich normalerweise speile, aber ich tat mein Bestes, einen einfachen improvisierten Volkstanz in Phrasen von vier Taktstrichen zu spielen, und los ging es.

Vier oder fünf Durchgänge reichten aus, um den Tanz einzuüben, der ziemlich gut lief und sofort auf Video aufgenommen wurde. Der ganze Prozess hatte nicht einmal eine Stunde gedauert. Zwar könnte niemand das Ergebnis als tadellos bezeichnen, doch die Sache hatte grossen Spass gemacht und sollte offensichtlich jedem noch lange Zeit in Erinnerung bleiben.

All das geschah vollkommen ohne die Unterstützung der Lehrer. Die Kinder hatten stundenlang die Video angesehen, ohne dass ein eifriger Lehrer irgendetwas dagegen hatte, und dann hatten sie sich verkleidet - nur gespielt, würde mein Kritiker sagen - und später getanzt. Es ist ausserordentlich schwer für Erwachsene, zuzugeben, dass Kinder ohne Leitung lernen können, aber hier war ein klares Beispiel von effektivem Lernen. Wenn ein Lehrer diesen so jungen Menschen "Stolz und Vorurteil" hätte beibringen wollen, wäre es sicher nicht so gut gelungen, und einige hätten wahrscheinlich nachher geschworen, nie wieder ein Buch von Jane Austen anzutasten.

Eine ähnlich kritische Einstellung sieht man zum Beispiel beim Dammbauen. Wenn ein Erwachsener einer Klasse zeigt, wie man einen Damm baut, so ist es Arbeit, und die Kinder lernen: wenn Kinder die Dämme in einem Bach allein bauen, dann ist es ein Spiel und sie lernen nichts. Aus irgendwelchem Grund ist das Gegenteil schwer zu akzeptieren.

Als Lehrer habe ich mich in demselben Fehler erwischt. Ein Mädchen in meiner Klasse von zehnjährigen hat mich gefragt, ob sie hinausgehen durfte, um eine Blume zu finden, und sie nachher zu zeichnen. Nein, habe ich gesagt. Und dann drei Tage später habe ich die ganze Klasse hinausgeschickt, um Blumen zu finden, die sie später zeichnen sollten. Es ist für Erwachsene, und insbesondere für Lehrer, wirklich sehr schwer, die einfache Idee zu akzeptieren, dass Kinder auch ohne Lehrer lernen können.

Education for Freedom : Lernen freie Kinder genug? Ich muss zugeben, dass es Schüler in demokratischen Schulen gibt, die weniger im akademischen Sinn lernen, als sie in einer normalen Schule lernen würden. Sie lernen viel über soziale Beziehungen, über ihre eigenen Interessen und über die Lösung von Problemen, aber weniger in den gewöhnlichen schulischen Fächern. Aber obwohl ich zugeben muss, dass einige Schüler in demokratischen Schulen weniger lernen, als sie anderswo lernen würden, lernen andere viel mehr. Kinder, die in normalen Schulen total versagt haben, lernen oft schnell, wenn sie in eine demokratische Schule kommen.

Ich gebe ein Beispiel vom weniger Lernen. In England müssen die meisten Schüler Prüfungen in zehn bis vierzehn verschiedenen Fächern machen, wenn sie sechzehn Jahre alt sind. In Sands School, die eine demokratische Schule ist, machen sie meistens nur fünf bis acht oder neun. Aber fünf gute Ergebnisse sind genug, wenn man an einer Hochschule weiterlernen möchte. Es hat keinen Zweck, Fächer zu studieren, für die man kein Interesse hat. Man wird sowieso fast alles schnell vergessen.

Mein Kritiker hat noch einen Einwand. Man muss lernen, sagt er, Sachen zu tun, die einem gar keinen Spass machen. Später, wenn sie erwachsen sind, werden die Kinder viele Sachen tun müssen, die gar keinen Spass machen, und je früher man das lernt, desto besser. Und vor allem müssen sie lernen, durchzuhalten, weil es Kindern an Ausdauer fehlt.

Diese Einstellung enthält zwei Fehler. Erstens, warum soll man in der Gegenwart unglücklich sein, um sich auf das Unglücklich-Sein in der Zukunft vorzubereiten? Und zweitens, Kinder halten unglaublich lange durch, wenn sie interessiert sind. Denken Sie an das Baby, das ein Spielzeug immer wieder auf den Boden fallen lässt, so dass seine Mutter es wieder aufheben kann. Die Mutter wird zuerst aufgeben wollen. Viele Kinder lernen stundenlang Computerspiele, für die Erwachsene nicht genug Geduld haben. Um Skateboardtricks zu lernen, wollen Jugendliche wochenlang üben. In der Schule fehlt es ihnen nicht an Ausdauer, sondern an Interesse.

Diese Kritik an dem Kritiker fasse ich jetzt kurz zusammen. Erstens ist das, was man als Fach in der Schule lernt, oft nicht nützlich im späteren Leben; zweitens, heisst in einer Klasse sitzen nicht unbedingt lernen und drittens lernt man oft besser ohne Lehrer.

Ich wiederhole: Kinder in demokratischen Schulen sind fast alle glücklich und selbstbewusst.

Und die Kritiker wiederholen, "Natürlich sind Kinder glücklich, wenn sie viel Zeit zum Spielen haben, aber lernen sie was? Wäre es nicht besser, nicht so glücklich zu sein, und mehr zu lernen? Was geschieht, wenn solche Schüler die Schule verlassen müssen, und sich in der grossen, weiten, bösen Welt befinden?"

In einer Broschüre über Summerhill, der bekanntesten und ältesten demokratischen Schule auf der Welt, findet man den folgenden Abschnitt:

 

Wie geht es den Schülern, wenn sie Summerhill verlassen haben?

 

Sie gehen in Hochschulen weiter, oder sie machen eine Lehrzeit, oder arbeiten, oder reisen. Wie berichtet ein früherer Schüler:

 

"Wenn sie [die Inspektoren aus der Regierung] irgendeinen Zweifel über den Ort haben, soll die Regierung nur darauf achten, was wir, die Summerhiller, geworden sind. Wir sind Künstler, Schriftsteller, Professoren, Naturwissenschaftler, Soldaten, Verwaltungsbeamten, Theologen, Bankiere, Musiker, Zimmermänner, Landschaftsgärtner, Besitzer von kleinen Geschäften. Wir haben allerlei akademische Grade. Wir nehmen an die Wahlen teil. Wir sind genau die nützlichen Menschen, die ihre Lehrpläne produzieren sollen. Und dazu noch sind wir glücklich und fruchtbar."

 

Es gibt leider noch keine wissenschaftliche Forschung über die Laufbahnen von früheren Schülern von demokratischen Schulen, es gibt nur einzelne Geschichten. Als Dartington Hall School, wo ich lange Lehrer war, in 1987 geschlossen wurde, habe ich ein Buch herausgegeben, worin frühere Schüler ihre Erinnerungen und Überlegungen schrieben. In der Einleitung habe ich gesagt:

 

Es [dieses Buch] ist kein von wohlmeinenden Lehrern geschriebener Bericht über die Wirkung, die Schule auf seine Schüler haben sollte; es ist ein Bericht über die Wirkung, die sie wirklich hatte, von den Schülern selbst geschrieben. Obwohl es gewissermassen als Denkmal für die Schule sein soll, ist es keine Lobrede; es beschreibt Fehler sowie auch Erfolge.

 

In diesem Buch gibt es einen Beitrag für fast jedes Jahr des Daseins der Schule, das heisst von 1926 bis 1987.

 Ich werde später daraus zitieren, aber zuerst will ich den einzigen Versuch beschreiben, eine wissenschaftliche Forschung über Dartingtoner zu machen. In den 80er Jahren hat man versucht, alle frühere Schüler, die die Schule in 1971, 1972 und 1973 verlassen hatten, zu finden und um ihre gegenwärtige Tätigkeit zu befragen. Von etwas über einem Drittel hat man Nachrichten bekommen. Ihre gegenwärtige Berufe waren:

  • Theater und Popmusik 8
  • Lehrer 7
  • Naturwissenschaft 5
  • Kunst und Handfertigkeiten 4
  • Sozialarbeit 3
  • Arbeit an Universitäten 3
  • Technik 2
  • Journalismus 2
  • Rechtsanwälte 2
  • Betriebsleiter 2
  • Ärzte 2
  • Bauern 1
  • Fluglotse 1
  • Architekt 1
  • Landgutvertreter 1
  • Filmmacher 1
  • Klassische Musik 1
  • Krankenpflegerin 1
  • Pressesprecher 1

Education for Freedom : Lernen freie Kinder genug? Diese Berufe kann man in drei Gruppen zusammenfassen: kreative Aktivitäten, Lehren und Forschen, und Arbeit für andere (sowie Medizin und Sozialarbeit.) Aus 47 Berufe kommen 17 in die erste Kategorie, 15 in die zweite und 6 in die dritte. Wenn man eine solche Liste mit einer Listen von den Berufen von früheren Schüler von meiner eigenen Schule (Eton) vergleicht, darf Dartington meiner Meinung nach stolz sein. Die zweitgrösste Gruppe von früheren Schülern in Eton ist in der Welt der Wirtschaft, und die grösste Gruppe besteht aus Männern in der Armee, der Luftwaffe und der Flotte.

Sudbury Valley hat auch eine ähnliche Forschung versucht, und ein Buch darüber herausgegeben. Das Buch heisst "The Pursuit of Happiness", also "Die Suche nach Glück." Die meisten darin enthaltenen Statistiken sind nicht sehr hilfreich, aber es gibt viele interessante Auszüge von Berichten von früheren Schülern, von denen ich auch etwas zitieren werde.

Es gibt zwei wichtige Unterschiede zwischen Sudbury Valley und Dartington Hall School. Sudbury Valley hat sehr viele Regeln und ein Justizkomitee, das über Regelverletzungen entscheidet und wonötig Strafen erteilt. In Dartington Hall School gab es sehr wenig Regeln und keine Strafen. Aber in Dartington gab es einen ziemlich normalen Stundenplan, wo man die Fächer aussuchen konnte, die man studieren wollte, und in Sudbury Valley ist es absolut grundlegend, dass es keinen Stundenplan gibt, und die Schüler ihre eigenen Anregungen finden müssen. Aus diesem Grund ist es nötig, frühere Schüler beider Schulen zu zitieren.

Ich fange an mit Dartington, weil der Mangel an Regeln und Strafen weniger beunruhigend für Eltern ist als der Mangel an Unterricht.

Der erste und der bekannteste Schüler in dem Buch über Dartington, das ich zusammengestellt habe, war in der Schule von 1929 bis 1933. Er ist schon gestorben, aber in den 80er Jahren hat er folgendes geschrieben:

 

Was ist die Wirkung von fortschrittlicher Bildung gewesen? Ich kann nur für mich selbst antworten. Für mich ist die Wirkung beträchtlich gewesen, indem sie mich engagiert hat, zu versuchen, die Idee von fortschrittlicher Bildung nach der einfachen Formel zu fördern, die ich in der Schule entwickelt hatte, um Eier zu verkaufen.

 

Nach dieser Formel hat er unter anderem die Zeitschrift "Which?" gegründet, sowie als auch ACE, the Advisory Centre for Education und the Open University. Er ist als Lord ernannt worden, und hiess danach Lord Young of Dartington.

Dougie Hart, den ich gut kannte, und der auch schon gestorben ist, war auch in der Schule von 1929 bis 1933. Seine Laufbahn war sehr anders. Als ich ihn kannte, machte er allerlei aus Holz an seiner Drehbank. Sein Bericht endet so:

 

Wir haben alle sehr viel von der Schule gewonnen. Was ich gewann, war ein verdammt guter Kerl zu werden. Nicht alle hatten besonders gute akadamische Qualificationen aber viele überleben ohne Qualificationen, und überleben doch sehr gemütlich. Was Dartington für dich machte, besonders wenn du dort warst vom Anfang bis zum Ende deiner Bildung, war, dass es dir eine Liebe und einen Respekt für die Gemeinschaft gab, für alle, für einander, die Erwachsenen eingeschlossen.

 

Bridget Thompson, eine Künstlerin, war in der Schule von 1945 bis 1950. Hier findet man die Ängste, die Eltern oft haben, leider klar gerechtfertigt.

 

Akademisch habe ich in Dartington nicht gediehen. Obwohl ich nicht total faul war, konnte ich leicht nur knapp das Nötigste tun. In dieser Hinsicht hat es Dartington für mich erschwert, eine weitere Bildung zu erlangen, und ich musste viel von dem, das ich in der Schule hätte tun sollen, später in der Abendschule machen müssen. Hinsichtlich Kunst, aber, gab mir Dartington sehr viel, dass ich sonst versäumt hätte, und das ist sehr lohnend und erweiternd für mich gewesen.

 

 

Janet Sayers, die in der Schule von 1958 bis 1963 war, hat beruhigend fast das Gegenteil gesagt.

 

Aber nachher [nach Dartington], Cambridge. Was für eine Ernüchterung, mit ihrer Biederkeit und ihrer kleinlichen, von der Universitätspolizei kontrolliereten Regeln. Aber sie hat nicht die von Dartington erlernte Freude an Literatur, Musik und Kunst zerstören können.

 

Lot Sutcliffe, der jetzt Bauer ist, war in den 30er und 40er Jahren in der Schule.

 

Ich war glücklich in Dartington, und habe immer auf meine Schultage mit Vergnügen zurückgeblickt. Damals habe ich das nicht als eigenartig gesehen, aber später habe ich so viele Leute getroffen, die sehr unglücklich in ihrer Schule war, dass ich glaube, so dass es etwas besonders gutes für von Dartington zeigt.

 

Vanessa Pawsey war in der Schule von 1960 bis 1962 und wurde später Lehrerin in einer ungeheueren öffentlichen Gesamtschule, wo sie die lieblose Atmosphäre als abstossend empfand. Dort wurde sie darauf merksam, sagt sie, dass es zwischen den ausgesprochenen Zielen der Schule und den versteckten Lehren über der Nichtsnützigkeit der Schüler eine grosse Kluft gäbe.

In ihrem Beitrag zu meinem Buch sagte sie:

 

In Dartington haben wir an Entscheidungen über Regeln teilgenommen und versucht, sie durchzusetzen. Wir konnten verlangen, dass ein Lehrer, der uns nicht lehrte, was wir lernen wollten, entlassen werden sollte, und die Schule war von uns abhängig, indem wir bei der häusliche Arbeit halfen, und daher haben wir gelernt, wie eine Gemeinschaft gut läuft und wie man konstruktive Macht darin ausüben kann, wie man mit diesem stumpfen, nützlichen Werkzeug Demokratie umgehen kann.

 

Amy Chamier war in der Schule von 1972 bis 1978. Sie hat folgendes geschrieben:

 

Ich finde die Erbe von Dartington schwer zu entwirren: die Fäden laufen durch mein ganzes Leben hindurch, aber ich kann ihre Muster nicht leicht definieren. Nur Eines scheint klar zu sein: die Schule hat mir eine unerschütterliche Glaube an das Recht gegeben, so zu sein, wie ich bin.

 

 

Education for Freedom : Lernen freie Kinder genug?

Und jetzt Sudbury Valley. Vom Buch, The Pursuit of Happiness, bekommt man den Eindruck, dass sie meistens sehr nette, ernste, ehrliche Leute sind, die sich für Frieden und Ökologie einsetzen, die wissen, was sie tun wollen, die bereit sind, dafür hart zu arbeiten, und die natürlich selbstsicher und glücklich sind. In diesem Buch erscheinen die Namen der Schüler und die Daten ihrer Zeit in der Schule nicht. Die Wirkung der Schule sieht man am klarsten in den Beschreibung von Erfahrungen auf der Universität.

Ich hatte natürlich keine Noten von Sudbury Valley. Ich entschied mich, einen Termin mit dem Dekan der Gruppe von Fächern, die ich studieren wollte, zu machen, um mich ihm sozusagen vorzustellen. Ich kam in sein Büro und wir setzten uns und fingen an, zu reden. Er fragte mich, was ich über die Universität wissen wollte, da ich um diesen Termin gebeten hatte. Ich sagte ihm, dass ich mich schon entschieden hatte, dorthin zu gehen, und dass ich gekommen war, um ihn etwas über mich selbst zu erzählen - was ich bin, wer ich geworden bin, und warum ich glaube, dass ich ein guter Mensch für die Universität sein werde. Wir haben so ungefähr eine Stunde geplaudert, und ohne zusätzliche Information, ohne Refenzen oder so was zu sehen, war seine Reaktion, "Wir sehen uns also im Herbst." Das war echt Sudbury Valley.

 

Aber ein anderer hat gesagt:

 

Es war am Anfang schwer. Oft wusste ich einfach nicht was zu tun, wenn ich einen Auftrag schreiben musste oder Hausaufgaben hatte. Ich hatte es einfach nie früher getan. Aber, wissen Sie, ich habe mich ziemlich schnell daran gewöhnt - ich würde sagen binnen eines Semesters.

 

Und dagegen eine Meinung, die ich oft auch von Dartingtonern gehört habe:

 

Ich glaube, dass Sudbury Valley auf viele Weisen es leichter für mich gemacht hat. Ich erinnere mich daran, wie mein Mitbewohner und seine Freunde nie die Energie auftreiben wurden, ein Buch zu lesen oder sich irgendwie auf die Klasse vorzubereiten - bis in der Nacht davor, oder so ähnlich. Und ich erinnere mich, dass ich erstaunt war, weil es mir deutlich war, dass es wirksamere Arbeitsmethoden gab, dass man nicht brauchte, härter zu arbeiten, sondern sich im Gegenteil gemächlicher vorbereiten konnte, wenn man nur mit dem Unterricht Schritt hielt. Was gewöhnlich geschah, war, dass alle Studenten vor den Prüfungen in Panik gerieten, während ich gewöhnlich auf eine entegegengesetzte Weise arbeitete.

 

Und eine noch selbstsicherere Erfahrung:

 

Wenn man sein ganzes Leben in Sudbury Valley verbracht hat, und seine eigene Entscheidungen getroffen hat, und seinen eigenen Begeisterungen gefolgt hat, muss man jeden Tag neue Entscheidungen treffen, und seine Lebensweise ändern. Alles, was man versucht - wie zum Beispiel eine Lerhzeit bei einem Mechaniker zu machen - wird der Schüler von Sudbury Valley schneller lernen. . . Was so schön ist in Sudbury Valley, ist dass man seine natürliche Fähigkeiten verstärkt, und dann folgt alles andere.

 

Den ersten Teil vom folgenden Absatz finde ich ziemlich überraschend, aber das Ende habe ich auch schon von vielen früheren Schülern von Dartington gehört.

 

Während des ersten Semesters an der Uni versteckte ich mich meistens in meinem Zimmer und sprach mit niemandem. Ich fühlte mich etwas fremd von den andern. Ich war ein zusätzliches Jahr in Sudbury Valley geblieben, und daher war ich schon neunzehn Jahre alt, als ich auf die Uni ging, und die Leute, die im selben Gebäude wohnten, waren meistens siebzehn oder achtzehn. Das kann zwar kein grosser Unterschied zu sein scheinen, aber für mich war es schon so. Ich hatte schon allein gewohnt, ich hatte seit dem Alter von fünfzehn den ganzen Tag irgendwo gearbeitet, und die meisten Leute, die neben mir wohnten, waren zum ersten Mal weg von zu Hause, und waren wirklich laut und widerlich und tranken die ganze Zeit. Ich war schon an dieser Phase vorbeigekommen.

 

 

Und jetzt zwei Bermerkungen von Studenten, die über etwas ganz anders sprechen.

 

Ich setze mich ein für Demokratie. Ich interessiere mich leidenschaftlich für Politik. Immer schon habe ich mich dafür interessiert. Der Grund dafür, würde ich sagen, ist, dass ich während meiner Zeit in Sudbury Valley eine Einstellung zur Gesellschaft und dazu, wie eine Gesellschaft am Besten funktioneren konnte, entwickelt habe. Sudbury Valley war eine kleine Gesellschaft - ungefähr 100 Menschen, als ich dort war. Aber es gab Gerechtigkeit und es gab Demokratie und es gab Selbstregierung und das hat mir eine Art Blaupause gegeben. Wenn ich sehe, dass diese Blaupause in der grossen Gesellschaft nicht zutrifft, dann habe ich Sorgen, grosse Sorgen. Solche Fragen sind für mich sehr wichtig.

Ich glaube, dass das einzige, was ich von Sudbury Valley gelernt habe, war, auf einmal zu verstehen, dass ich verantwortlich für meine eigene Erfahrung bin. Der Tag ist gut, wenn ich aufwache. Ich kann es verderben, wenn ich will, aber ich kann etwas Gutes damit tun, wenn ich will. Das war das Wichtigste, das ich in Sudbury Valley gelernt habe. Ich bin für mich selbst verantwortlich. Niemand anderer. Das ist bestimmt bei mir geblieben, und ich werde es meinen eigenen Kindern weitergeben.

 

Und endlich zwei Auszüge, die auch viele früheren Dartingtoner hätten schreiben können:

 

Besonders in den letzten Jahren habe ich bemerkt, dass es viel leichter ist, mit Leuten von Sudbury Valley gut zurechtzukommen. Nichtsudbury Leute haben mich überrascht, weil sie so viele Komplexe haben. ... Ich glaube auch, dass Studenten von Sudbury Valley gewöhnlicherweise weniger verklemmt, gelassener, vertrauenswürdiger als Nichtsudbury Studenten sind.

 

Man lernt gegenseitigen Respekt und Sorge für andere in Sudbury Valley, weil man ein Teil eines sozialen Systems ist, das einen ermutigt, an die Wirkung eigenen Tuns auf andere zu denken. Dort lernt man eindeutig, anderen Leuten zu helfen und an der Gesellschaft im allgemein zu denken, nicht nur an sich selbst. Diese Werte, glaube ich, werden in der Schule gefördert.

 

Die meisten Kinder, die die Gelegenheit haben, entweder in eine demokratische Schule oder in eine herkömmliche Schule zu gehen, wählen unbedingt die demokratische Schule. Viele Eltern sind unsicher.

Education for Freedom : Lernen freie Kinder genug?

Ihre Unsicherheit ist in den meisten Fällen ein Ergebnis von einem Missverständnis. Sie glauben vielleicht, dass was sie selbst als Erziehung erfahren haben, noch die einzige echte Erziehung sei. Oder sie glauben, dass man nur von Lehrern lernen kann, und beim Spielen nichts lernt. Oder sie glauben, dass Kinder nicht lernen wollen und daher dazu gezwungen werden müssen.

Das einzige Problem, worüber ein ängstlicher Mensch sich noch Sorgen geben könnte, ist die Frage, ob es wichtiger ist, möglichst viele Prüfungen zu machen, als glücklich seine eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Natürlich ist das etwas polarisierend. In einer herkömmlichen Schule hat man doch Zeit, einige besondere Fähigkeiten zu entwickeln, und in einer demokratischen Schule kann man auch viele akademische Fächer studieren, aber der Unterschied ist klarer, wenn man ihn so übertreibt.

Zum Schluss kehre ich noch einmal auf meine eigene Erfahrung zurück.

Als ich achtzehn Jahre alt war, hatte ich, wie gesagt, in der Schule gelernt, dass ich nur ein kluger Clown war, nicht viel wert, und hatte wenig Selbsvertrauen, wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen wollte, las selten ein Buch und ahmte in Bezug auf Kleider, Interessen und Lebensweise meine Freunde nach. Ich fühlte mich abenteuerisch, wenn ich eine Fliege trug oder wagte in ein Jazzclub zu gehen.

Wäre es nicht besser gewesen, wenn ich wie Amy Chamier von Dartington eine unerschütterliche Glaube an das Recht gewonnen hätte, so zu sein, wie ich bin?