Leipzig , 2006

David Gribble

Ich werde versuchen, zu sprechen ohne vorzulesen, weil das immer interessanter ist, aber für den Fall, wo mein Deutsch auf einmal nicht dazu reicht, habe ich einen ganzen Vortrag schon hier aufgeschrieben. Sogar dieser erste Satz steht hier auf diesem Papier.

Ich fange an, mit einem Zitat von Virginia Woolf:

"Wenn man umstrittene Ideen hat, nützt es nichts, sie anzukündigen; man kann nur erklären, wie man zu diesen Ideen gekommen ist."

Meine Ideen über Erziehung werden vielleicht hier nicht umstritten, aber hoffentlich, wird es Sie interessieren, zu hören, wie sie entstanden sind. Um meine Aufgabe möglichst viel zu erleichtern, habe ich mein Leben in Kapiteln geteilt.

 

Erstes Kapitel: Bevor ich wusste, dass ich Lehrer werden wollte.

Ich fange sehr früh an. Meine Eltern waren geschieden, als ich ungefähr zwei Jahre alt war. Seitdem wurde ich von Frauen erzogen, und meine Mutter hat mir eigentlich auch gesagt, dass mein Vater mich nie in seinen Armen gehalten hat. Ich wohnte in einem Haus voll Frauen - meine Mutter, meine ältere Schwester, unser Kindermädchen, die Köchin und die Dienstmädchen. Der einzige Mann, der bei uns arbeitete, war der Gärtner. Mein Leben war also zart, priviligiert und etwas einsam. Das hat sicher einen grossen Einfluss auf mich ausgeübt.

Dann auf einmal, als ich acht Jahre alt war, musste ich in ein Internat gehen, wo nur Männer und Knaben waren, und wenn man sich gegen die Regeln verhielt, man mit einem Rohrstock geschlagen wurde. Ich erinnere mich noch an das erste Mal, dass ich geschlagen worden bin. Ich musste an einem Tisch stehen, und dann mich vorwärts beugen, bis mein Gesicht auf dem harten Holz lag. Dann mussste ich meine Arme ausstrecken und mit meinen Händen an der Tischkante festhalten. Und dann hat der Schulleiter losgeschlagen. Ich bekam wahrscheinlich nur drei Schläge, aber es hat mehr Weh getan, als ich je vorher in meinem ganzen Leben erfahren hatte. Mein Haut war nicht gebrochen, die Schläge liessen sogar keine blauen Flecke, aber der Schmerz hat mich erstaunt.

Es gibt zwei wichtige Askpekte dieses Ereignisses: erstens war ich ein besonders artiger Junge, der immer den Erwachsenen und eigentlich allen Anderen gefallen wollte, und zweitens kann ich mich nicht mehr erinneren, warum man mich geschlagen hat. Bedenken Sie ein Augenblick, was das bedeutet. Und bedenken Sie auch, dass andere Jungen manchmal blaue Flecken bekamen, die wochenlang blieben. Diese Methode machte keinen Unterschied; die Übeltäter taten weiter übel.

In dieser Schule gab es auch eine andere Strafe: man musste irgendeine nützliche Arbeit in den Schulanlagen mit dem Schulleiter machen. Diese Gelegenheit, etwas praktisch nützliches zu tun, und dazu mit dem Schulleiter als Kolleg zu arbeiten, machte so viel Spass, dass manchmal Buben, die nicht strafbar waren, dabei helfen kamen.

Und noch eine Geschichte aus dieser Schulzeit. Eines Abends in unserem Schlafsaal haben wir ein Thermometer gefunden und wir hatten einen Schachtel Streichhölzer. Wir wollten sehen, was geschehen würde, wenn das Quecksilber an das Ende des Thermometers anlangte. Es geschahen zwei Sachen: das Thermometer brach auseinander und der Schulleiter kam herein.

Wir hatten natürlich furchtbar Angst: wir hatten etwas gebrochen, das der Schule gehörte, und wir haben eine strenge Strafe erwartet. Der Schulleiter war aber dieses Abends guter Laune, er verstehe, sagte er, dass wir ein wissenschaftliches Experiment durchführten und etwas gelernt hatten und er gratulierte.

In meiner Beschreibung dieser Schule habe ich nichts über Schulstunden erzählt. Schulstunden gab es natürlich jeden Tag ausser Sonntag, aber in meiner Erinnerung sind sie nicht so wichtig, wie diese Geschichten von strafen und nicht strafen.

Als ich dreizehn Jahre alt war, musste ich nach Eton College gehen, wo es nochmals lauter Buben gab und wir alle dazu einen Frack tragen mussten. In Eton wurde man anders geschlagen. Erstens war es die ältere Buben die uns schlugen, und zweitens musste man sich über den Rücken eines Stuhls beugen, und sich an den Stuhlstreben festhalten. Der Schlager hob zuerst mit seinem Stock die Frackschösse auf und legte sie über den Rücken des Opfers.

In Eton lernte ich noch einmal, dass eine Strafe, sogar eine grausame Strafe wie Rohrstockschlagen, nicht die erwünschte Wirkung hatte. Zum Beispiel gab es im Haus, wo ich wohnte, eine Regel, dass niemand seine Bücher auf dem Tisch neben dem Eingang am Abend liegen lassen durfte. Für jedes Buch musste man eine Büsse von zwei Pennies bezahlen, und wenn man Half-a-crown, das heisst dreissig pennies, gebüsst hatte, wurde man von den Aufsichtsschülern geschlagen. Wir liessen alle oft Bücher liegen, sogar wenn wir schon achtundzwanzig Pennies gezahlt hatten. Die Strafe hatte keinen Erfolg.

In Eton lernte ich viel, das nicht stimmte. Ich lernte zum Beispiel, dass ich nicht begabt für Musik war und weder singen noch Klavier spielen konnte. Ich lernte, dass ich nicht viel wert war, weil ich kein Sportler war. Ich lernte, dass es wichtiger ist, den ungeschrieben Regeln der Studenten zu gehorchen, als den geschrieben Regeln der Schule. Ich lernte, dass wer Macht hat, nicht gerecht zu handeln braucht.

Eine kleine Geschichte dazu. Ein Lehrer, namens Mr. Rowe - es ist bedeutsam, dass ich mich an seinen Namen erinnere - hat eine grosse Zeichnung, die ich in einer Naturwissenschaftsstunde gemacht hatte, zusammengeknüllt und in den Papierkorb geworfen. Er sagte, es hätte keinen Namen daraufgestanden. Ich beklagte mich und sagte ihm, dass mein Name doch auf der Zeichnung stünde. Ich musste vor die Klasse hinausgehen, meine Zeichnung aus dem Papierkorb heben und auf einem Tisch ausbreiten. Da stand mein Name, oben rechts. "Zu klein," sagte der Lehrer, und ich musste zurück zu meinem Platz.

Und noch eine Geschichte. In einer anderen Wissenschaftsstunde unter Mr. Morris war mir schlecht und ich hob die Hand. Mr. Morris sprach einfach weiter und ich stand auf und ging vor die Klasse und stand vor ihm, die Hand noch hoch. Er gab keine Acht und sprach weiter. "Herr Lehrer," sagte ich, " mir ist schlecht." Keine Reaktion. Ich lief zur Tür und kotzte. Mr. Morris sah mich an, wandte sich an die Klasse und sagte, "Das war ein perfektes Beispiel von retrograde Peristaltik." Ich kenne den Ausdruck auf Englisch noch.

Eton war natürlich eine altmodische Schule, und wir mussten so viel Zeit Lateinisch und Griechish lernen als für alle anderen Fächer zusammengerechnet. Ich habe fast alles vergessen. Ich habe auch Deutsch studiert - Aha, das ist gelungen, werden Sie hoffentlich denken - aber nein, es war nicht gelungen. Obwohl ich meine Prüfungen bestand, wagte ich, als ich zum ersten Mal nach Österreich kam, kein Wort Deutsch zu sagen. Ich konnte ein Bisschen lesen und übersetzen, und ich wusste "liegen, liegt, lag, gelegen" zu sagen, und "schwimmen, schwimmt, schwamm, geschwommen", aber das war nicht, was ich zu sagen brauchte.

Ich habe auch einige Listen gelernt, wie zum Beispiel "Durch, für, ohne, gegen, wider, um," die Präpositionen, die man immer mit Akkusativ braucht, und auch "The spirit of god and the body of man and the worm in the place at the edge of the wood". Wenn man diese Wörter auf deutsch übersetzt, hat man eine Liste von den männlichen Substantiven, die die Mehrzahl mit -er und womöglich mit Umlaut formen. Wenn ich später zögere, werden Sie verstehen, dass ich eine von diesen Listen schnell überprüfe, um keinen Fehler zu machen.

Nach Eton, können Sie verstehen, wollte ich keine weitere Erziehung, ich wollte hinaus in die echte, weite Welt. Daher lernte ich Kurzschrift und Maschineschreiben und meine erste Stellung war in einem Tabakgeschäft, das meinem Vater gehörte. Ich schrieb Ziffern aus einem Buch in ein anderes nach, und ich tippte hundertmal einen Brief, der anfing "Sehr geehrter Herr, Die erste Schiffsladung von hawanischen Zigarren seit 1939 ist eben angekommen und liegt unter Zollverschluss in London." Die echte, weite Welt war fast so schlimm wie die Schule.

Und dann auf einmal fiel es mir ein, dass ich lieber mit Kindern als mit Erwachsenen arbeiten würde.

 

David GribbleZweites Kapitel: Bevor ich von demokratischer Erziehung sprechen gehört hatte.

Wenn ich mit Kindern arbeiten wollte, dachte ich, dann musste ich Lehrer werden. Es scheint mir jetzt fast unglaublich, dass ich so schnell zurück in die unechten, engen Welt der Schule zurückgehen wollte, aber ich liess mich sofort in Cambridge einschreiben, und in den sechs Monaten zwischen meine Entscheidung und dem Anfang des Semesters an der Universität, arbeitete ich in einer kleinen Privatschule in der Nähe von London und freute mich, endlich etwas nützliches zu tun.

Auf der Universität war ich kein zweitklassiger Mensch, wie ich es in der Schule war. Ich komponierte Lieder für die "Footlights", eine Gruppe, die im Sommer jedes Jahr eine Revue vorstellte, zuerst in Cambridge und nachher in London. Ich wurde Redakteur von Granta, der Studentenzeitschrift, eine Stelle, die einen gewissen Status mit sich brachte. In meinen Prüfungen war ich nur zweitklassig, aber wir sagten alle, dass ein erstklassiger Student nur studieren und nie ein erfolgreiches Leben führen können würde.

Die Schule, wo ich nach der Universität arbeitete, heisst Repton School. In der Nähe von Derby, in der Mitte von England, stand sie auch in der Mitte der Traditionen der herkömmlichen teueren Privatschulen des Landes. Da waren, noch einmal, lauter Buben, von dreizehn bis achtzehn Jahre alt. Im Vergleich damit war Eton himmlisch frei.

Eine meiner Verantwortlichkeiten war as "Master in charge of the jazz band"- "Lehrer, der den Jazzband kontrolliert." Die Jungen spielten meistens besser als ich und ich lernte viel von ihnen. Wir spielten zu jeder Zeit, wo die Jungen nichts anders für sie vorgeschrieben hatten, ausser Sonntag am Nachmittag, und das erreichte viereinhalb Stunden in der Woche.

Einen Schüler hatte ich schon in den Ferien kennengelernt. Sein Bruder war in Cambridge zur selben Zeit wie ich gewesen, und seine Schwester habe ich sehr gemocht - er war also ein guter Freund. Auch in Repton war er ein Freund, obwohl wir nur selten miteinander sprachen. Diese Freundschaft zeigte mir deutlich, wie unmöglich es war, mit den anderen Jungen eine wirklich freundliche Beziehung aufzubauen; es gab so zu sagen eine Mauer zwischen Lehrern und Schülern. Wir konnten zusammen Jazz spielen, ich konnte von ihnen lernen, aber wir wohnten auf verschiedenen Planeten, wir waren verschiedene Arten. Ich machte mir Sorgen darüber.

Ich hatte auch andere Probleme. Es gab eine Hierarchie nicht nur zwischen Lehrern und Schülern, sonder auch in der Lehrergruppe. Wir jüngere Lehrer standen ebensoweit unter den älteren, als die jüngeren Schüler unter den älteren standen. Als Lehrer waren wir noch nicht Gleichgestellte, und das hatte ich nicht erwartet.

Ein Siebzehnjähriger wurde geschlagen, weil er im Labor gearbeitet hatte, statt einen Fussballwettkampf anzuschauen: Treue zur Schule war eine Trainierung für Patriotismus, was, wie ein älterer Lehrer mir erklärt hat, die Grundlage für alle Sittlichkeit sei.

Nach drei Jahren beschloss ich, dass ich die Schule verlassen musste. Es gab eine Regel, dass die Schüler keine Bonbons in der Klasse essen dürften. Ich fand sie für eine dumme Regel, weil es oft leichter zu denken ist, wenn man etwas zu essen oder zu trinken bei sich hat, und ich versuchte nie solche Frevel zu bemerken. Eines Tages aber hat ein Junge ein Bonbon über das ganze Zimmer zu einem Freund geworfen, und ich konnte es nicht übersehen. Ich musste ihn strafen, und das hiess ihn eine gewisse Zahl Linien ausschreiben lassen. Die Linien mussten auf blaues Papier geschrieben werden, das man nur von seinem Hausmeister bekommen konnte. Der Junge ging zu seinem Hausmeister, der ihn fragte, wofür er gestraft wurde, und als er es hörte, hat er ihn geschlagen. Das konnte ich nicht tolerieren, und ich kündigte.

 

David GribbleKapitel 3. Ich warte auf meine Mutter in einer Buchhandlung

Ich hatte noch keine neue Stellung gefunden, und obwohol ich noch Lehrer sein wollte, wusste ich nicht, wohin ich mich wenden sollte. Während der Ferien vor meinem letzten Semester in Repton, wartete ich auf meiner Mutter in einer Buchhandlung, wo man Bücher von den Regalen herunternehmen und lesen dürfte. Zufällig fand ich ein Buch über Dartington Hall, wo es am Ende vierzig Seiten über einer Schule gab, die mich erstaunte. Sie waren von W. B. Curry, der Schulleiter von Dartington Hall School, der ihre ganze Tradition gegründet hat.

Bis dahin war meine Bildung sowohl als Lehrer als auch als Schüler meistens negativ gewesen. Ich wollte nie mehr Kinder weder demütigen noch unterdrücken noch foltern, wie man mich demütigt und unterdrückt und gefoltert hatte. Ich wollte in keiner Schule arbeiten, wo es lauter Buben gab, wo das Wichtigste ausgerechnet Sport war, wo Lehrer und Kinder nie Freunde sein konnten, wo die Lehrer mit Rohrstöcken schlugen und Patriotismus die Grundlage für alle Sittlichkeit war. Ich wollte das ganze unnötige Leiden vermeiden, das ich in meinen Schultagen erfahren hatte.

Jetzt fand ich in den Worten von Curry genau die Ideen, die ich suchte. Ich zitiere einige stellen.

In Dartington haben wir keine patriotische Versammlungen, Vorstellungen oder Feiern … Das Ambiente der Schule soll Kinder ermutigen, sich selber erstens als Menschen, und nur zweitens als Mitglieder eines besonderen Volkes betrachten.

Strafe in Dartington kommt fast nie vor, und die Tradition der Schule ist jetzt streng dagegen.

Erwachsene, die gern Autorität ausüben, erteilen Befehle jedesmal, was nicht überwaltigend für Freiheit spricht. Erwachsene, die Befehle nicht gern erteilen, erlauben Freiheit jedesmal, was nicht übertwaltigend für Autorität spricht. Wir haben uns immer Lehrer gewünscht, die in diese letzte Kategorie fallen.

In dieser Schule, habe ich gelesen, lernen Jungen und Mädchen zusammen. Die Schule hatte einen Bauernhof, wo Kinder arbeiten konnten. Man glaubte nicht an die herkömmliche Idee, dass "Kinder lieber ignorant bleiben würden, und daher man ein System von Bestechung und Zwang organisieren muss, um diese Vorliebe zu überwinden."

Und so weiter.

Aber am Ende gestand Curry, "In Beziehung auf was man tatsächlich gelehrt hat, und wie man gelehrt hat, glaube ich nicht, dass wir behaupten können, dass wir uns auf wichtigen oder bedeutsamen Weisen davon getrennt haben, was anderswo gemacht wird. … Ich kann nicht behaupten, dass wir in diesem Feld Bahnbrecher gewesen sind."

Später lernte ich Bahnbrecher auch in diesem Feld kennen, aber diese Viertelstunde in der Buchhandlung war eine der wichtigsten Viertelstunden meines Lebens.

Ich schrieb an der Schule, und glücklicherweise wurde die Mutter der Deutschlehrerin auf einmal krank, und ich bekam die Stelle.

 

School and Society : School and society : Demokratische Schule Kapitel 4. Dartington Hall School

Mein erster Eindruck von Dartington war einfach Farbe. In Repton mussten die Jungen graue Anzüge tragen, aber in Dartington trugen die Mädchen Kleider von allerlei Farben, und eigentlich die Jungen auch.

Ich fühlte mich irgendwie jünger als viele der Schüler. Sie waren selbstsicherer als ich, und sie fühlten sich wohl mit dem anderen Geschlecht.

Zu meinem Erstaunen fand ich, dass ich doch besser als in Repton respektiert wurde. In Repton musste ein Lehrer sich behaupten, um etwas vorgetäuschten Respekt zu bekommen, aber in Dartington war das nicht nötig. Es war das Gegenteil. Man musste Respekt verdienen statt verlangen, und dieser Respekt war echt.

Noch eine Geschichte. Ziemlich früh nach meiner Ankunft in Dartington kam eines Abends ein Quartett von der naheliegenden Musikhochschule um ein kleines Konzert zu machen. Ich ging dahin, und als ich ins Saal kam, sah ich Kinder, die überall auf dem Boden oder rückwärts auf Stühlen sassen und laut plauderten und lachten. Am Ende des Saals standen die vier MusikstudentInnen, die ihre Instrumente stimmten. In Repton wäre so eine Szene als höchst unhöflich und achtungslos gesehen, und ich fragte mich, ob ich verlangen sollte, dass alle sich in ordentlichen Reihen sässen und schwiegen. Glückerweise tat ich nichts, und wenn die Geigespielerin sich an die Kinder wandte, und in einer ganz kleinen Stimme ankündigte, dass sie jetzt mit diesem oder jenem Stück anfangen wollten, schwiegen alle sofort und hörten aufmerksam zu.

Dieses Benehmen war eigentlich selbstverständlich. Sie waren nur dahingekommen, weil sie die Musik hören wollten. Warum sollten sie unbequem auf aufgereihten Stühlen sitzen, wenn sie ebenso gut hören konnten, wenn sie bequem auf dem Boden lagen?

Es gibt so viel, das wir auf Kindern zwingen wollen, weil es den Ideen von Erwachsenen entspricht, und das nicht nur unnötig sondern auch schädlich ist, weil die Erwachsenen nötigerweiser autoritärisch heikel sein müssen. "Setz' dich richtig auf deinem Stuhl." "Dein Name ist zu klein geschrieben." "Kein Essen beim Unterricht - spücke es ins Papierkorb." "Hände aus den Taschen." Und so weiter.

Ich habe bemerkt, dass eine echt freundliche Beziehung in Repton unmöglich war. In Dartington pflegte ich am Wochende eine Gruppe Jugendliche in meinem Auto irgendo hinauszuführen, um spazierenzugehen. Ein achtzehnjähriges Mädchen, das Jenny Davies hiess, war besonders oft dabei. Wir verliebten uns, und ein Jahr nach ihrer Abitur haben wir geheiratet.

Von Jenny lernte ich sehr viel. Sie war dreizehn Jahre lang Schülerin in Dartington gewesen, und verstand die Schule gut. Unter den wichtigsten Sachen, war die Idee, dass Menschen wichtiger als Gegenstände sind. Die Geschichte des Thermometers in meiner ersten Schule hätte mir das lehren können - unser Lernen war wichtiger als das gebrochene Thermometer - aber das war eine Ausnahme. Jenny zeigte mich, dass wenn etwas von einem Kind zerstört wird, man sich erstens um das Kind, nicht um das Zerstörte kümmern soll. Jetzt ist es mir so offensichtlich, dass ich fast nicht glauben kann, dass ich es nicht immer gewusst habe, dass jeder es nicht weiss, aber leider ist es klar, dass viele LehrerInnen und fast alle Politiker ganz anderer Meinung sind.

A. S. Neill von Summerhill hat gesagt, er wolle vor Allem, dass die Schüler von seiner Schule glücklich seien. Jenny wollte vor Allem, dass unsere Kinder gutherzig seien. Meiner Meinung nach hatte sie Recht.

Jenny starb an einer Darmverdrehung, als sie nur vierundzwanzig Jahre alt war.

Da dachte ich, ein Drittel meines Lebens ist weg, aber ich habe noch unsere Kinder und ich habe meine Stelle in Dartington. So wichtig war Dartington für mich.

Dartington war aber auch nicht unsterblich. Fast dreissig Jahre später war ich wieder verheiratet und glücklicherweise waren die vier Kinder unserer Familie schon mit der Schule fertig. Ein neuer Schulleiter wurde angestellt, der die Schule gar nicht verstand. Er versuchte, sich zu behaupten, und erregte sofort starken Widerstand unter den Erwachsenen sowohl wie als auch unter den SchülerInnen. Um diesen Widerstand unterzudrücken, schrieb er einen Brief an alle die Eltern, worin er behauptete, dass er folgende Frevel in der Schule entdeckt hatte: Missbrauch von Alkohol, Missbrauch von Drogen, Geschlechtsverkehr unter Minderjährigen, organisierter Einbruch und Hexerei.

Hexerei gab es keine, der Einbruch war bei einem naheliegendem Restaurant, wo die Kinder Pizza und Kuchen gestohlen hatten, aber die drei andere Anklagen konnte man nicht verleugnen. Sie waren kein grosses Problem, aber sie existierten. Der Schulleiter hat die Polizei in die Schule eingeladen, um Drogen auszusuchen. Sie sind mit ihren Hunden angekommen und haben nichts gefunden. Laut der Polizei gabe es keine Probleme in der Schule, die nicht in jeder anderen Schule in ihrem Gebiet zu finden waren.

Der Brief des Schulleiters gelangte aber an die Presse, und monatenlang während des Sommers war die Schule an den Schlagzeilen.

Dann hat ein Junge ein Bild von der Schulleiters Frau mit nackter Brust auf einem Foto in einem Buch von Beatlesliedern gefunden. Er hat dieses Bild auf seinem Rücken in der Party am Ende des Semesters geklebt, und der Schulleiter hat es gesehen. Zuerst hat er dem Jungen einen Fusstritt erteilt, und dann sagte er, "Das ist nicht meine Frau."

Dieses Ereignis erschien auch in den Zeitungen, und The Sun, eine Zeitung von schlechtem Ruf, hat die Agentur der Frau herausgefunden, und daher entdeckt, dass vor sieben Jahren sie und ihr Mann, der Schulleiter, für pornographische Photos posiert hatten. Dann endlich tritt er zurück, aber es war zu spät. Er war nur ein Semester Schulleiter gewesen, aber er hatte den Ruf der Schule total zerstört. Drei oder vier Jahre später haben die Treuhänder die Schule gegen die Wünsche von Schülerinnen, Personal und Eltern geschlossen.

Meine letzte Lehre von Dartington ähnelte sich an eine Lehre von Eton - wer macht hat, braucht nicht, richtig zu handeln.

 

Sands School

School and society : Demokratische Schule

Die Grundschule in Dartington, wo es keine Probleme gab, wurde zuerst geschlossen, und meine Frau, einige Lehrerinnen und eine Gruppe Eltern haben sofort eine neue Schule für drei- bis elf-jährigen gegründet. Ein Jahr später musste die Oberschule ihre Türen schliessen, und vierzehn Schüler, die in keine normale Schule gehen wollten, mussten etwas anderes finden. Diese Kinder, zwei andere LehrerIinnen und ich haben Sands School gegründet. Sie ist die einzige Schule in England, die, vor sie ihre Türen öffnete, von den SchülerInnen geplant worden ist. Sie öffnete sich in September 1987 im Haus der Familie einer Schülerin.

Wir wollten sicher sein, dass Sands School nie behandelt werden konnte, wie Dartington Hall School behandelt worden war, und wir beschlossen, dass alle Entscheidungen in der Schulversammlung von SchülerInnen und Personal getroffen werden sollten. Das war die erste Entscheidung. Die zweite war, dass die Schule möglichst wenig Regeln haben sollte: man sollte sich auf gesundem Menschenverstand verlassen. Die zwei Regeln, womit wir angefangen haben, waren keine Drogen und kein Alkohol. Nach einigen Tagen wurde eine dritte Regel erfunden - man darf rauchen, aber nur draussen im Garten. Und die dritte Entscheidung war - und die LehrerInnen waren darüber enttäuscht - dass wir einen ganz normalen Stundenplan haben sollten, und alle in jede Stunde kommen musste.

Jetzt, neunzehn Jahre später, gibt es leider eine Menge Regeln, aber obwohl es noch einen ziemlich normalen Stundenplan gibt, sind alle Fächer und alle Stunden freiwillig.

Ich war nur vier Jahre in Sands, bevor ich in Ruhestand trat, aber in diesen vier Jahren habe ich viel gelernt. Am Anfang war ich Schulleiter, und ich glaubte, dass, trotz unserer Idealen, es einige Entscheidungen gab, die nur ein Erwachsener treffen sollte.

Eines Tages haben drei Schülerinnen das ganze Geld aus dem Schulbüro gestohlen und sind mit dem Bus in die nächste Stadt gefahren, um mit dem Zug nach York zu fahren. Am Schalter hat der Beamte ihnen erklärt, dass das Geld nicht dazu reichte, und sie haben daher um Fahrkarten nach Brighton gebeten. Der Beamte ist argwöhnisch geworden und hat die Polizei angerufen, und später musste ich die drei mit meinem Auto von der Wache abholen. Auf dem Rückweg habe ich in einem kleinen Parkplatz angehalten, und ich habe versucht, die Gelegenheit mit den Kindern zu besprechen. Es war mir ganz unmöglich. Sie fluchten und schimpften und sagten, dass sie die Schule hassten, ihre MitschülerInnen hassten und ihre Eltern hassten, und ich konnte nicht weiterkommen. Ich fuhr also zurück in die Schule, und die Leiterin der Gruppe hat gekündigt, dass sie eine Schulversammlung zusammen rufen wollte, weil ich sonst allerlei saumässige Lügen über sie und ihr Tun erzählen wurde. Alle kamen hin und die Leiterin erzählte gleichgültig genau, was sie getan hatten, und fragte danach, "Wollt ihr uns hinausschmeissen?" Am Anfang waren die anderen Kinder zornig, nicht wegen ihres Tuns, sondern weil sie sich als so gleichgültig und schamlos vorzeigten. Dann sagte ein Lehrer, dass es nicht vernünftig war, einfach ärgerlich zu sein, und man lieber Fragen stellen und zuhören sollte. Während der nächsten Stunde haben die Erwachsenen fast kein Wort gesagt. Die Kinder haben die Misstäterinnen gefragt, warum sie das alles gemacht hatten, haben zugehört und kommentiert, und endlich gefragt, "Wollt ihr hier in der Schule bleiben?" Alle drei haben "Ja" geantwortet. Es wurde einige Bedingungen imponiert, und die Sache war fertig.

Was ich dabei gelernt habe, war erstens, dass ein einzelner Mensch, sogar ein erfahrener Lehrer wie ich, keine so gute Antworten finden kann, als eine ganze Gruppe Leute, die sich für die Sache wirklich interessieren, und zweitens, dass es in einer Schule keine Entscheidungen gibt, wo Kinder ausgeschlossen werden sollen.

Danach habe ich der Schulversammlung vorgeschlagen, dass die Schule keinen Leiter brauchte, sondern nur ein Verwaltungsbeamte, der sich vergewissern musste, dass alle nötigen Entscheidungen in der Schulversammlung getroffen wurden, und dass man sie nachher in die Praxis versetzt. Man nahm meinen Vorschlag an.

Am Anfang meiner Zeit in Sands hatte ich in einer Broschüre geschrieben,

 

Kinder, denen man vertraut, werden vertrauenswürdig werden.

Kinder, die respektiert sind, werden angemessene Selbstachtung erlernen.

Kinder, um die man sich kümmert, werden lernen, sich um andere zu kümmern.

 

Jetzt weiss ich, dass ich die Wahrheit vermisst hatte. Was ich hätte sagen sollen, war

 

Kinder sind vertrauenswürding, sofern man ihnen nicht misstraut hat.

Kinder haben eine angemessene Selbstachtung, solange andere sie respektiert haben.

Kinder kümmern sich um andere, sofern man sich selbst um sie gekümmert hat.

 

 

 

 

School and Society

Kapitel 6 Die weite Welt

Im Buch, das mir Dartington Hall School zuerst vorgestellt hatte, hat Curry geschrieben, "In Beziehung auf was man tatsächlich gelehrt hat, und wie man gelehrt hat, glaube ich nicht, dass wir behaupten können, dass wir uns auf wichtigen oder bedeutsamen Weisen davon getrennt haben, was anderswo gemacht wird. … Ich kann nicht behaupten, dass wir in diesem Feld Bahnbrecher gewesen sind."

Anderswo habe ich viele Bahnbrecher gefunden.

Ausserhalb von Dartington und Sands hatte ich schon Countesthorpe kennengelernt, eine grosse staatliche Gesamtschule, wo Jenifer Smith gearbeitet hat, eine Lehrerin, die zwei Jahre in Dartington gelehrt hat, bevor sie dahin ging, und deren Ideen mich stark beeinflusst haben. In Countesthorpe waren vierzehn hundert Jugendliche zwischen vierzehn und achtzehn Jahre alt, und sie hatten jeder einen verschiedenen Stundenplan. Dazu waren in fast jedem Stundenplan grosse Löcher, die "Teamtime" hiessen, wo die SchülerInnen ihre eigene Projekte individuell machen konnten, wonötig mit Hilfe von einem Team LehrerInnen. Diese Projekte ähnelten sich gar nicht an den schulischen Projekte, wo ganze Klassen irgendein Studium zusammen machen. Die Jugendliche arbeiteten manchmal zusammen, zum Beispiel, als ein Junge, der ein Theaterstück geschrieben hatte, es aufgeführt hat, und in verschiedenen Volksschulen Vorstellungen organisiert hat. Meistens arbeiteten sie allein: ein Junge beobachtete die Vögel im Garten zu Hause, ein anderer experimentierte mit Pendeln, Licht und Zeichnungen, viele gingen arbeiten bei Behinderten oder jüngeren Kindern oder alten Leuten, ein Mädchen folgte die Geschichte ihrer Familie in das siebzehnte Jahrhundert zurück, ein anderes las möglichst viel über extrem rechte Politik, "um darauf antworten zu können," wie sie sagte.

Jenifer Smith hat beschrieben, wie schwer es sein kann, jedem Schüler und jeder Schülerin zu helfen, ihre eigene Interessen herauszufinden.

 

Du kannst genau das tun, was du willst. Es kann schwer sein, überhaupt irgendetwas zu tun. Die StudentInnen fangen bei ihrem ersten Gespräch mit ihrem Lehrer an, zu verstehen, was möglich sein kann. Für einige ist es genau, was sie sich gewünscht haben, oder etwas ist erlaubt, das sie sich vielleicht gar nicht vorgestellt hatten, und sie können kaum an ihr Glück glauben. Für andere ist es erschreckend.

Es könnte eine gute Idee sein. Ja, und? Es ist noch Schule. Es könnte eine gute Idee sein, aber ich bin nicht sicher, was ich damit tun werde. Es ist fantastisch und ich werde ein ganz veränderter Mensch sein - aber wenn man es versucht, ist es schwerer, als ich geglaubt habe. Oh ja, wir haben schon unsere eigene Projekte gewählt, - und sie tragen eine ganze Liste von jenen langweiligen, abgedroschenen alten Projekten vor, wo sie eigentlich keine echte Wahl machen durften, keine Wahl, die sie gefördert hat, darüber nachzudenken, was sie lernen wollten, was sie für sich selbst brauchten.

 

Und einige erzürnen sich.

 

Lehren Sie uns! Zeigen Sie uns den Lehrplan! Ja, aber was müssen wir tun? Sagen Sie mir, was ich tun muss, und ich werde es tun. Macht nichts was. .. Nein, nicht das. … Nein, keine dieser Sachen … Ich weiss, was ich tun werde.

Du fummelst mit deinen Papieren rum, malst auf deine Aktenmappe, stehst in der Bibliothek rum. Du schreibst einen Titel, siehst aus dem Fenster hinaus, sprichst mit deinem Freund. Wie lange kann ich mich fernhalten? Ich kann den Weg vorwärts sehen. Ich weiss, was du tun sollst. Wir sind beide unruhig bei dieser Untätigkeit. Gut! Also, das musst du tun. Und das. Und das. Ich höre deinen Seufzer. Ich sehe zu, wie deine Hand, widerwillig gehorsam, deinen Kuli aufnimmt. Nein, sage ich. Warte noch ein Bisschen.

Du sprichst mir von Dampflokomotiven, von Evolution, von Grausamkeit gegen Tiere, von Leicester im neunzehnten Jahrhundert. Du zeichnest Traumformen, Karikaturen, genaue Entwürfe, naïve Illustrationen zu deinen Geschichten Du schreibst von Zauber, von Liebe, von Schrecken, von dir, von dir, von dir Du kletterst auf einen Felsen hinauf, unterhältst dich mit einem tauben Kind, gräbst alte Flaschen aus, siehst zu, wie das Bild in der schaukelnden Schale mit Entwickler erscheint.

Ich lerne deine Veranwortung kennen, die die Verantwortung eines Gelehrten, eines Künstlers, eines Dichters, eines Wissenschaftlers, eines Historikers ist.

Wir treffen uns in der Ernsthaftigkeit deiner Wahlen.

 

So was habe ich leider nie erreicht.

Und nachdem ich in Ruhestand getreten bin, hatte ich Zeit, andere Schulen zu besuchen, andere Methoden kennenzulernen, andere Bücher zu lesen. Ich habe zum Beispiel die Bücher von Jürg Jegge gelesen, und eine Woche bei ihm im Märtplatz in der Schweiz verbracht. Ich habe die Bücher von Rebeca Wild gelesen, und auch in der Pesta habe ich eine Woche verbracht. Ich habe Bücher von Daniel Greenberg gelesen, und vier Tage habe ich in Sudbury Valley School verbracht. Ich habe Bücher von Janusz Korcjak gelesen. Ich habe die demokratische Schule von Hadera in Israel besucht. Ich habe demokratische oder freie oder fortschrittliche oder nichtformelle Schulen und andere erzieherische Anstalten in vielen anderen Ländern besucht. In den meisten habe ich so ungefähr eine Woche verbracht - am ersten Tag ist man verblüfft, man versteht nicht, was vorgeht, man bekommt den Eindruck, dass, wie man sagt, nichts passiert. Am zweiten Tag fängt man an, zu begreifen, was und wie die Kinder lernen und gewöhnlicherweise hat man am Ende der Woche einen ziemlich eindeutigen Eindruck, den man nur gründlich entwickeln könnte, wenn man noch monatenlang in der Schule blieb.

Ich bin auch in Neuseeland, in Japan, in Thailand und in drei verscheidene Orte in Indien gefahren.

Was ich dort erfahren habe, habe ich in zwei Bücher beschrieben, aber ich kann es kurz zusammenfassen:

Es gibt keine einzige gute Methode, es gibt hunderte davon.

Was man aber in jeder demokratischen Schule findet, ist ein gründsätzlicher Respekt für Kinder. Das ist kein ausreichender Ausdruck. Bertrand Russell, der englische Philosoph, hat geschrieben, dass man das Kind verehren muss, aber meiner Meinung nach ist das nur ein Teil davon, eine emotionale Einstellung, die ich verstehe und auch erlebt habe, aber sie hilft nicht, zu verstehen, wie man sich benehmen soll. Man kann gelegentlich vor Kinder Ehrfurcht erfahren, wie man oft vor einem Neugeborenen Ehre fühlt, aber nicht die ganze Zeit. David Wills, ein anderer Engländer, hat gesagt, dass man das Kind lieben muss, aber das ist auch nicht genug. Man kann nicht den ganzen Schultag verbringen, indem man die Kinder einfach liebt. Was man wirklich ununterbrochen tun kann, ist erstens, das Kind als sein Gleichgestellter zu sehen, und zweitens, sich für sein Wohl zu sorgen. Was ich in jeder Schule gesehen habe, war erstens Gleichheit, zweitens Sorge und nur drittens und viertens Liebe, Ehre und so weiter.

Vielleicht soll ich dieses Wort Gleichgestellter etwas erweitern. Es ist klar, dass Erwachsene oft - nicht immer - viel mehr in einer besonderen Gelegenheit wissen, als Kinder. So ist es immer der Fall, wenn Erwachsenen zusammen arbeiten oder diskutieren - einige wissen mehr als andere. Aber das heisst nicht, das eine Gruppe höher ist, und es wäre grob und unhöflich in einer solchen Lage sich zu benehmen, als ob man ganz und gar überlegen wäre. Und so soll es auch sein, wenn Erwachsene und Kinder zusammen arbeiten oder diskutieren.

Wenn es so eine Atmosphäre gibt, macht es nichts, ob man dieses oder jenes lehrt, was für eine Schulversammlung es gibt, ob man jeden Tag in die Schule kommen muss oder nicht, wieviele Regeln es gibt, wer welche Macht hat. In verschiedenen Schulen habe ich allerlei gesehen. Ich wiederhole - es gibt keine einzige richtige Methode.

 

Kapitel 7: Und warum geht man in die Schule?

Was kann ich jetzt tun, das ich in der Schule gelernt habe, und mir wirklich nützlich gewesen ist?

  • Lesen, schreiben und rechnen - aber ich habe viel mehr Mathe in der Schule gelernt, als ich je benutzt habe.
  • Deutsch und Französisch - aber wie gesagt, als ich mein Matura gemacht hatte, wagte ich noch kein Wort zu sagen.
  • Klavierspielen - aber ich habe auch gelernt, dass ich nicht Klavier spielen konnte, was eigentlich nicht stimmte.
  • Geschichte? Was ich gelernt habe, war, dass ich mich nicht für Geschichte interessierte.
  • Geographie? In Eton stand Geographie nicht auf dem Stundenplan, um mehr Zeit für Lateinisch und Griechisch zu lassen.
  • Naturwissenschaft? Ich verstehe den Ausdruck "retrograde Peristalsik". Sonst ein klein wenig Physik, z. B. über Magneten, Licht und Hebelkraft, was ich in eine Stunde hätte lernen können.

Und was habe ich gelernt, das mir wirklich nützlich gewesen ist, das ich nicht in der Schule gelernt habe?

  • Als Vater meine Kinder zu begleiten.
  • Kochen.
  • Autofahren.
  • Musik schreiben.
  • Saxophon spielen.
  • Lieder komponieren.
  • Verschiedene Kartenspielen.
  • Einen Schrank zusammenzubasteln und nachher anzumalen.
  • Lehren - ich bin nie als Lehrer trainiert worden.
  • Kreuzworträtsel zu erfinden.

Und in der Schule hatte ich gelernt, dass ich nur ein kluger Clown war, nicht viel wert, und als ich achtzehn Jahre alt war, hatte ich wenig Selbsvertrauen, wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen wollte, las selten ein Buch und ahmte in Bezug auf Kleider, Interessen und Lebensweise meine Freunde nach. Ich fühlte mich abenteuerisch, wenn ich eine Fliege trug oder wagte in ein Jazzclub zu gehen. Kein Abiturient von Dartington wäre so unwissend und naiv gewesen.

Meine Lehrjahre sind noch nicht zu Ende. Man lernt sein ganzes Leben lang, und in den letzten Jahren habe ich zwei ganz neue erzieherische Ansätze kennengelernt, den einen in Brasilien und den anderen in Schottland. In Brasilien gibt es ein Geschäftsman, der Ricardo Semmler heisst. Wenn man in einer seiner Geschäfte arbeitet, entscheidet man für sich selbst, welche Arbeit zu unternehmen, wann und wie lange man arbeitet und wieviel Geld man dafür bekommen wird. Es gelingt wunderbar. Aber was mich besonders interessiert, ist, dass sie jetzt eine Schule gegründet haben. In dieser Schule entscheiden die Kinder natürlich, welche Arbeit sie unternehmen wollen und wann und wie lange sie arbeiten wollen, wie in manchen anderen Alternativschulen. Die Schule heisst Lumiar, und was neu ist, steht klar auf ihrer Internetseite.

Nach vielen schönen Ideen, die man von anderen demokratischen Schulen schon kennt, steht dieser Satz: "Ferien, Regeln, Gebäude und Klassenzimmer sind veraltet." Sie wollen alles wegwerfen und vom Anfang an wieder beginnen.

Ich habe Lumiar nicht gesehen, aber Room 13 in Schottland habe ich schon zweimal besucht. Mein erster Besuch dauerte nur drei Tage, und ich konnte nicht gut verstehen, was vorging; später habe ich noch eine Woche dort verbringen müssen. Room 13 ist ein Atelier in einer normalen staatlichen Grundschule; was ausserordentlich ist, ist das es gehört den Kindern, die dahingehen. Sobald sie mit der Arbeit in ihrer Klasse fertig sind, dürfen sie nach Room 13 gehen, um dort zu malen, zu lesen, zu plaudern, Schach zu spielen oder was auch immer. Wenn sie schon elf Jahre alt sind, dürfen sie ihre Klasse verlassen, wenn sie sich langweilen, wenn sie etwas wichtigeres zu tun haben - kurz, wenn sie auch wollen. Aber eine solche Freiheit hatte ich anderswo schon oft gesehen. Was fast unglaublich ist, ist das diese Kinder, unter denen die älteste knapp zwölf Jahre alt sind, sind wirklich verantwortlich für alles, das im Zimmer geschieht. Sie bezahlen den Künstler, den sie angestellt haben, um ihnen zu helfen. Sie kaufen alle Materialen. Sie verkaufen Fotos, Postkarten und ihre eigene Kunstwerke. Sie schreiben die nötigen Briefe, sie antworten auf Emails, sie informieren die Eltern über den neuesten Stand. Sie suchen Sponsoren, und haben sehr grosse Spenden bekommen - bis auf £200,000 - um Room 13s in anderen Schulen zu begründen. Sie haben ihr eigenes Konto in der Bank und ihr eigenes Scheckbuch. Sie führen die Buchführung selbst. Und es macht ihnen Spass. Der Aspekt von Room 13, den sie am meisten bewertigen, ist, dass sie dort keine gekünstelte Schulaufgaben machen müssen, sondern mit der Wirklichkeit arbeiten dürfen.

Ich habe mit zwei Schülerinnen gesprochen, die ein Videofilm über Room 13 gemacht hatten, der eine halbe Stunde dauerte und auf Channel 4 im Fernsehen gezeigt wurde. Als ich in der Schule war, haben sie fast den ganzen Tag in Room 13 verbracht, und ich fragte sie, ob sie oft so wenig Zeit in ihrem Klassenzimmer waren. "Oh ja," haben sie gesagt. "Als wir den Film machten, waren wir wochenlang nicht in unserer Klasse. Wir gingen einfach am Ende des Tages hin und fragten, 'Was haben wir heute vermisst?' und dann haben wir es in zehn Minuten erledigt."

Es scheint mir jetzt, dass jeder Tage normales Unterrichts vielleicht nur zehn Minuten wert ist.

Ich könnte noch stundenlang darüber sprechen, aber ich höre endlich auf.

Meine Lehrejahre sind nicht zu Ende, ich lerne noch, und hoffentlich werde ich jetzt von Ihren Fragen weiter lernen.