Vienna 2004

Beispiele und Perspektiven

Schule

 

Auf englisch und vielleicht auch auf deutsch hat das Wort "Demokratie" zwei Bedeutungen. Es bedeutet entweder eine Art Regierung, wo man ein Parlament hat und Wahlen hält, oder eine Gesellschaft, wo alle gleiche Rechte haben. In demokratischen Schulen handelt es sich öfter um die zweite Bedeutung, obwohl in größeren Schulen kann man oft auch Parlamente und besonders häufig Ausschüsse finden. (Wenn ich größere Schulen sage, heißt das nur Schulen, die mehr als dreißig oder so SchülerInnen haben. Viele demokratische Schulen sind wirklich sehr klein. Wenn nur fünfzehn Kinder da sind, braucht man sicher keine Ausschüsse.)

In einer modernen westlichen Demokratie sollen alle außer den Kindern gleiche Rechte haben. In einer demokratischen Schule haben auch die Kinder gleiche Rechte. Yakov Hecht von der demokratischen Schule in Hadera in Israel hat die Idee satirisch verteidigt.

 

 

Lasst uns einen Moment "Was wäre wenn ..." spielen ...

 

Was wäre, wenn die Realität von Erziehung anders wäre ...

Und alle Schulen demokratisch wären!

Und alle Länder von Diktatoren geführt würden!

... Dann würden sie sagen – Demokratie funktioniert gut in kleinen Gruppen von, sagen wir, einhundert Menschen, aber sie kann in Ländern mit Millionen von Bürgern nicht gut funktionieren.

... Dann würden sie sagen – Demokratie ist für Schulen geeignet, die mit Angelegenheiten zu tun haben, die Schüler angegehen. Es wäre jedoch unverantwortlich, ignorante und ungebildete Menschen über das Schicksal eines Landes und Angelegenheiten auf Leben und Tod entscheiden zu lassen.

... Dann würden sie sagen – Demokratie funktioniert in der Theorie, aber es ist völlig undenkbar, dass ein Universitätsprofessor auf der gleichen Stufe wie jemand stehen sollte, der nicht lesen und schreiben kann!

... Dann würden sie sagen – Glauben Sie wirklich, dass Millionen von Bürgern die Gesetze verstehen und sich an sie erinnern werden? Dass jeder die Prinzipien verstehen wird, die der Demorkratie zugrunde liegen? Nur Intellektuelle sind in der Lage, das zu tun!

... Dann würden sie sagen – wenn jeder seinen eigenen Beruf wählt, dann wird niemand mehr ein Interesse daran haben, die schmutzige, schwere Arbeit zu tun. Das Land wird auseinanderbrechen!

... Dann würden sie sagen – wenn jeder sich aussucht, wo er leben will, wo er bauen will, wie er fahren will, und alle Zeitungen das drucken, was sie als gut erachten, dann werden wir die totale Anarchie haben!

... Dann würden sie sagen – Demokratie is für eine Schule geeignet, in der alles "klein" ist, aber in der rauhen Wirklichkeit der realen Welt wird es nicht funktionieren.

 

In August 2002 hat man in der Konferenz von IDEC in Neuseeland versucht, 'demokratische Erziehung' zu definieren. Am Ende hat eine Gruppe eine sehr lange und unbrauchbare Definition erfunden, die einer politischen Aussage ähnelte und die auf Menschenrechte und Kinderrechte und die Vereinigten Nationen hinwies. Später ist eine viel bessere Definition bei einer Emailkorrespondenz vorgekommen. Sie lautet ungefähr so. 'Eine demokratische Schule ist eine Schule, wo die Schüler freie Bürger der Schule sind, die ihre eigene Erziehung in die Hand nehmen, und die an Entscheidungen teilnehmen dürfen, die die ganze Schule betreffen.'

Es fehlt noch das Wort 'alle' vor Entscheidungen, aber es gibt viele sogenannte demokratische Schulen, wo die Schüler nur an einige der Entscheidungen, die die ganze Schule betreffen, teilnehmen dürfen. Und meiner Meinung nach gibt es viele Schulen, die nur halbwegs demokratisch sind, wenn demokratisch so definiert wird, aber doch sehr schön sind. Die Demokratie selbst ist nicht das Wichtigste, aber ich gebrauche das Wort, um etwas ein bissel anders zu bezeichnen.

Ich werde Ihnen erzählen, wie diese frei definierte Demokratie in vielen verschiedenen Formen und in vielen verschiedenen Ländern funktioniert, und danach werde ich einige Perspektiven vom Standpunkt der Schüler vorstellen. Die sind natürlich das Wesentliche.

Respect Children : Demokratie in der Schule Sudbury Valley in Massachusetts ist eine Schule für junge Leute von drei bis zwanzig Jahre alt. Als ich die Schule im Jahr 1994 besuchte gab es hundertfünfzig Schüler. Jetzt gibt es viel mehr als zwei hundert. In einer Richtung ist die Schule besonders frei und in einer anderen Richtung besonders formell. Formell, aber doch sehr demokratisch im gewöhnlichen Sinn.

Die Schule ist frei in Bezug auf das Lernen. Es gibt keinen Stundenplan, keinen Lehrplan. Die Erwachsenen sollen sogar keine Angebote machen. Wenn ein Kind ein gewisses Fach lernen will, muss es jemanden finden, Erwachsenen oder Kind, der ihm helfen kann und will, oder sonst allein oder mit Freunden arbeiten. Jeder kann nach seiner eigenen Art und Weise lernen. Die Jüngeren verbringen den größten Teil ihrer Zeit beim Spiel, und die Älteren beim Gespräch. Von denen, die ihre gesamte Schullaufbahn in Sudbury verbracht haben, sind mehr als die Hälfte auf Universitäten gegangen.

Vom Standpunkt gesellschaftlicher Organisation ist alles ganz anders.

Die Schule wird von einer Schulversammlung geleitet, die einmal pro Woche stattfindet, und an der sämtliche Lehrer und Schüler teilnehmen dürfen. Diese Versammlungen werden nach "Roberts' Rules" geregelt. "Roberts' Rules" ist ein dickes Buch, wo man eine Methode beschreibt, die für alle Arten Versammlungen passen soll. Es ist kein Buch für Kinder. Für alle möglichen Probleme ist ein genaues Verfahren vorgeschrieben. In der Folge werden die Versammlungen in Sudbury sehr streng von dem Vorsitzenden geleitet. Es gibt eine Tagesordnung, wozu man nichts während der Versammlung hinzufügen darf. Alles wird im Protokollbuch aufgeschrieben. Jede Entscheidung bekommt eine Zahl, und muss in der nächsten Versammlung bestätigt werden.

Es gibt auch ein Justizkomitee, das allerlei große und kleine Beschwerden über schlechtes Benehmen verhandelt. Daniel Greenberg, einer der Begründer der Schule, hat die Funktionsweise des JK in seinem Buch "The Sudbury Valley Experience" beschrieben. Er braucht mehr als eine ganze Seite.

Die Regeln sind auch sehr legalistisch ausgedrückt, zum Beispiel:

"Niemand darf wissentlich das Recht eines anderen verletzen, sich friedlich an Aktivitäten in der Schule zu beteiligen, die weder verbale noch körperliche Schikanierung beinhalten, solange die Aktivitäten den Beschlüssen der Schulkonferenz entsprechen."

Oder: "Fahrräder und andere Fahrzeuge mit Rädern - wie Go-Karts und Skateboards - müssen am Ende eines jeden Tages in Fahrradständern oder Lagerräumen, die von dem für die Instandhaltung der Gebäude Verantwortlichen ausgewiesen wurden, untergebracht werden."

Dieses JK verteilt auch Strafen. Man kann zum Beispiel aus einem gewissen Teil der Schule ausgeschlossen werden, oder zusätzliche Arbeit bei der Aufräumung machen müssen.

Das ist das erste Beispiel. Freies Lernen, formelle Regierung.

Tamariki in Neuseeland ist eine Schule mit sechzig Schülern zwischen vier und dreizehn Jahre alt. Sie ist "integriert", das heißt finanziell vom Staat unterstützt. Die Eltern zahlen nur einen Zuschlag, um einen zusätzlichen Lehrer zu bezahlen.

Hier gibt es auch sehr viel Freiheit. Ein Besucher bekommt den Eindruck, daß alle den ganzen Tag spielen. Es gibt aber in Tamariki auch viele Aktivitäten, die dann und wann vom Personal organisiert werden, und woran Kinder teilnehmen können, wenn sie wollen.

Man kann sich die Methoden nur schwerlich vorstellen, ohne dahinzufahren, aber die Theorie kann man von den Grundsätzen begreifen, die die Lehrer hinschreiben mußten, um staatlich anerkannt zu werden. Hier ist zum Beispiel der Anfang vom Grundsätzlichen zum Lesen:

Sinn und Zweck:

1. Kinder in die Lage zu versetzen, Lesen auf so natürliche und ungezwungene Weise wie möglich zu lernen.

2. Vergnügen an Literatur sowie ein Bewußtsein für die Bereicherung, die die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, bedeutet, zu entwickeln.

3. Zu verhindern, daß Kindern die Lust am Lesen genommen sei.

Es gibt Versammlungen auch in Tamariki, aber sie sind viel weniger formell als in Sudbury Valley. Es gibt zwei Arten von Versammlungen. Erstens, Schulversammlungen, wo man gelegentlich Regeln aufstellt und große Probleme diskutiert aber hauptsächlich nur etwas bekanntgibt - wenn ein Lehrer krank ist, etwas verlorengegangen ist oder Besucher kommen, zum Beispiel. Die Vorsitzende ist ein Kind, und alles geht sehr schnell.

Und zweitens, kleine Versammlungen. Für die erste Schulleiterin, June Higginbottom, war das Wesentliche, daß sie die disziplinarische Kontrolle den Kindern selbst überlassen wollte. Wenn die Kinder sie baten, auftauchende Konflikte zu lösen, dann sagte sie, sie müßten selbst Möglichkeiten finden, diese zu lösen. Eine junge Frau, die einst Schülerin in Tamariki war, hat mir die Methode, die die SchülerInnen selbst entwickelt hatten, durch eine Anekdote erklärt.

'Es gab einen Jungen, der ein paar Jahre älter als ich war und der das dreckigste Mundwerk hatte, das ich je erlebt hatte. Er war wirklich absolut beleidigend und sagte Sachen wie "Hure" und so weiter, die für eine Achtjährige sehr erschreckend waren. Wenn ich jetzt will, daß ein Treffen dazu einberufen wird, such ich mir ein anderes Kind, das den Vorsitz führt. Wenn wir eine kleine Gruppe zusammengebracht haben, sagt die Vorsitzende "Versammlung übernimm den Fall," und sie bitten dann den Kläger, den Fall darzustellen, während sie dafür sorgen, daß der Angeklagte den Mund hält. Und dann hat der Angeklagte das Wort, und danach versuchen sie, den Sachverhalt wirklich klarzubekommen, und dann irgendeine passende Lösung zu finden, wie zum Beispiel, daß derjenige, der mich beleidigt hat, am nächsten Tag von mir fernbleiben muss.'

Und wenn es nicht funktioniert wird eine neue Versammlung abgehaltet.

Also in Tamariki ist die Regierung viel weniger formell als in Sudbury Valley, und es gibt keine Strafen. Die Erwachsenen dürfen auch den Kindern Angebote machen, die in Sudbury Valley als unangemessen angesehen wäre.

Respect Children : Demokratie in der Schule Butterflies bedeutet Schmetterlinge, aber es ist kein niedlicher Kindergarten, sondern eine Organisation für die Kinder, die auf den Straßen von Delhi leben beziehungsweise arbeiten. Butterflies bieten ihnen die Gelegenheit zu lernen an und hilft ihnen, auf ihre Rechte zu bestehen. Diese Kinder, die meistens sieben bis vierzehn Jahre alt sind, obwohl es auch jüngere und ältere gibt, verdienen ungefähr dreißig Rupees pro Tag, das heißt ein Euro. Davon können sie knapp leben. Wenn sie Zeit verbringen, bei Butterflies zu lernen, dann verdienen sie weniger, und werden oft von ihren Eltern, wenn sie noch bei ihren Familien wohnen, oder von ihren Arbeitgebern, wenn sie wirklich auf der Straße wohnen, geschlagen.

Es gibt ungefähr acht hundert Kinder, die dennoch zu Butterflies kommen.

Die Straßenerzieher, wie sie heißen, kommen mit einem großen Koffer voll Spiele, Hefte, Kreide und Ziegeln, Posters und einigen Büchern an bestimmte Orte in Parks oder Märkten, und die Kinder können nehmen, was sie brauchen, und spielen oder lernen. Es kann also gar keinen Stundenplan geben; man kommt, wenn man will, und lernt was und wann man will. Die Straßenerzieher sind da, um zu helfen, nicht um zu zwingen; sie bieten manchmal besondere Tätigkeiten an, zum Beispiel Theatermachen oder Ausflüge, aber alles ist freiwillig. Freiwillig ist eigentlich ein zu schwaches Wort – man kommt nur dahin, wenn man es so herzlich wünscht, daß man riskieren will, dafür geschlagen zu werden.

Versammlungen gibt es bei Butterflies auch, aber sie gehen nicht auf Streitigkeiten zwischen Kindern ein, sondern auf ihre Probleme auf den Straßen. Sie haben eine Kinderrechtsgruppe und sie organisieren Demonstrationen, sie geben eine Wandzeitung aus und sie spielen Theater. Hier haben wir Demokratie einer ganz anderen Art. Sie ist kein Werkzeug, um Ordnung in einer Schule zu schaffen, sondern eine Mitte, wodurch Kinder ihre eigene Bedürfnisse bekanntmachen können.

Es gibt viele andere Unterschiede zwischen den Schulen, die ich in diesem Buch beschrieben habe. Für einige muss man die Bedeutung vom Wort 'demokratisch' ziemlich weit ausdehnen. Aber selbst unter denen die am meisten demokratisch sind, findet man überraschende Eigentümlichkeiten. Zum Beispiel haben die Kinder nicht immer gleiche Rechte, Entscheidungen zu treffen.

In Butterflies hat die Macht der Kinder keine Grenzen, aber in Schulen ist es gewöhnlich anders. In Summerhill, zum Beispiel, der berühmtesten freien Schule der Welt, setzt man der Macht der Schulversammlung klare Grenzen. Die Kinder können alles über ihr eigenes gesellschafliches Leben entscheiden, aber das Gebäude gehört Zoe Readhead, die Tochter vom Gründer A. S. Neill und jetzt Direktorin ist, und sie behält sich alle Entscheidungen über Sicherheit und Gesundheit, Ernennung und Entlassung von Personal und Aufnahme und Ausschluss von Schülern vor. Geldsachen werden auch nicht in der Schulversammlung entschieden. Man behauptet, daß solche Sachen eine zu schwere Verantwortung von den Kindern verlangt.

In der Pesta, der Schule von Mauricio und Rebeca Wild in Ecuador, sollen die Lehrer weder lehren, erklären, anleiten, motivieren, überreden, antizipieren oder hinweisen. Das scheint eine fast grenzenlose Freiheit zu bedeuten, aber die Schule ist eine sorgfältig vorbereitete Umgebung, es gibt viele Regeln und die Kinder können die Regeln nicht ändern. Kein Fernsehen, womöglich auch nicht zu Hause. Man darf nicht in den Bussen auf dem Weg zum Schwimmbad essen. Spielzeugwaffen dürfen nur in die Schule mitgebracht werden, wenn sie keinen Lärm erzeugen. Kassettenrecorder und Radios sind nicht erlaubt. Als die Kinder um ein Spielzimmer baten, in dem sie Kissenschlachten und so viel Unordnung machen konnten, wie sie wollten, wurde ihnen das verweigert.

Trotz der Tatsache, daß die Schüler in der Pesta sich total frei fühlen, ist die Schule demokratisch nur in einem sehr besonderen Sinn. In ihrem Buch Erziehung zum Sein sagt Rebeca Wild selbst, daß die Pesta keine antiautoritäre Schule sei. Die Hauptsachen für Rebeca Wild sind, daß die Kinder die Möglichkeit haben, auf eigene Faust zu experimentieren, Dinge zu erforschen und zu erleben, und daß sie ihren eigenen Interessen nachgehen dürfen und den Anweisungen von Erwachsenen nicht folgen müssen. Das ist nicht ganz demokratisch aber es ist doch sehr schön.

Und wenn man Demokratie als eine Gesellschaft definiert, wo alle gleiche Rechte haben, so entspricht die Pesta der Beschreibung. Die Erwachsenenen dürfen auch keine lärmendene Spielzeugwaffen in die Schule bringen oder in den Bussen essen.

In Sands School in England, die ich mitbegrundete, kann die Schulversammlung, woran Schüler und Personal teilnehmen, alles entscheiden, das in einer Regelschule der Direktor entscheiden würde. Die Schüler sind meistens zwischen elf und sechzehn Jahre alt. Die Grenzen, auf denen Summerhill besteht, existieren in Sands nicht. Einige Sachen werden delegiert, weil die Schüler sich davon überfordert fühlen (oder sich nicht dafür interessieren) aber Gesundheit und Sicherheit, Ernennung von Personal und Aufnahme von neuen Schülern liegen alle in den Händen der Schulversammlung. Selbst die Sachen, die delegiert worden sind, kann die Versammlung in Frage stellen und sie kann, falls nötig, Veränderungen verlangen.

Als die Schule anfing und weniger als dreißig Schüler hatte, ähnelten die Versammlungen lebendigen Gesprächen, obwohl es ein Vorsitzender gab, der Ordnung zu behalten versuchte, und man dann und wann abstimmte. Im Sommer 2003 gab es siebzig Studenten und sieben Lehrer, und wenn fast achtzig Leute in eine Versammlung kommen, muss es etwas formeller behandelt werden, aber schließlich hat jeder seine Stimme, und die jüngsten können auch ihre Meinungen hören lassen.

Respect Children : Demokratie in der Schule

In allen diesen Orten, die ich beschrieben habe, respektiert man die Wünsche und die Werte der Kinder. Die Demokratie ist sehr verschieden, aber überall findet man einen grundlegenden Respekt. Man kann diesen Respekt vielleicht genauer kennen lernen, wenn man in Betracht zieht, wie oft Lehrer in Regelschulen versuchen, sinnlose Ideen, die irgendwie Erwachsenen gefallen, Kindern aufzuzwingen.

Man kann auch Beispiele von diesem Mangel an Respekt in den schönsten Schulen finden. Jürg Jegge beschreibt in seinem BuchDummheit ist Lernbar, wie er oft mit seinen Sonderklasslern Theater besuchte. Nachher mußten sie einen Bericht in einem sogenannten Theaterbuch schreiben. 'In dieses,' sagte er, 'investieren die Schüler ihr gesamtes "schriftstellerisches" und " graphisches" Können. Die Aufgabe: Stück und Aufführung sollen vorgestellt werden. Da wird zusätzliches Material herangezogen: vor allem das Programmheft, dann auch Schauspielführer, Zeitungsartikel, Kritiken. Es ergeben sich viele Aufgaben, in die sich die Schüler teilen: sprachlich Formulierung (meist von allen gemeinsam, weniger häufig von einer kleineren Gruppe, selten einzelne), Einschreiben, Titelblatt anfertigen, zusätzliches Material aussuchen, ausschneiden, aufkleben usw. Das alles wird gemeinsam besprochen und festgelegt.'

Das, was im Theaterbuch erschien, war ganz schön, aber später hat Jegge die ganze Idee aufgegeben, weil es ihm klar geworden war, daß es eine ganz unnatürliche Aufgabe war. Wenn ein normaler Mensch ins Theater geht, setzt er sich danach nicht nieder, um einen Bericht zu schreiben. Er diskutiert das Stück mit denen, die es auch gesehen haben, aber nur ein Kritiker oder ein Schüler schreibt einen Bericht - der erste, weil er dafür bezahlt wird, und der zweite, weil er dazu gezwungen wird. Das schöne Theaterbuch war eine Leistung des Lehrers vielmehr als der Schüler.

Jenifer Smith war eine Lehrerin in Countesthorpe College, einer Gesamtschule in Leicestershire, wo alle Schüler ihre eigene Themen für Projekte aussuchten. Sie kamen erst im Alter von vierzehn Jahren in diese Schule, und am Anfang dachten viele, daß sie ähnliche Projekte machen sollten, wie sie in ihren früheren Schulen gemacht hatten. 'Ägypten,' zum Beispiel, oder 'Kleidung durch alle Zeitalter' oder 'Unser Besuch im Museum.' Jenifer Smith hat gesagt, 'Ich verbringe Zeit damit, die Schüler daran zu hindern, mit der Arbeit anzufangen – sie davon abzuhalten, sich vorschnell in die erstbeste Sache zu stürzen, die ihnen in den Sinn kommt. Bist du sicher? Lies ein wenig. Willst du das wirklich machen? Vorsicht.'

Das klingt seltsam. 'Ich verbringe Zeit, die Schüler daran zu hindern, mit der Arbeit anzufangen.' Meistens wollen Lehrer, daß ihre Schüler sofort mit der Arbeit anfangen, ohne sich zu kümmern, ob sie sich dafür interessieren. Für Jenifer Smith war das Interesse die Hauptsache, und wenn ihre Schüler endlich mit der Arbeit anfingen, haben sich es für sich selbst und nicht für irgendeine Autoritätsgestalt gemacht. Ein Beispiel in den Worten von Jenifer Smith:

Jonathan schien eine erfolglose Idee nach der anderen in Angriff zu nehmen und wieder beiseite zu legen. Am Ende seines ersten Tertials hatte ich das Gefühl, daß ich bei ihm komplett versagt hatte, und sein kindisches Verhalten begann, mich mürbe zu machen. Dann begann er, sich für Fotografie zu interessieren, für das Fotografieren mit der Lochkamera und Spezialeffekte. Er wurde oft dabei beobachtet, wie er auf und ab ging und Selbstgespräche über seine neuesten Pläne führte. Er beschloß, Parabeln auf Fotopapier aufzuzeichnen. Die Arbeit erstreckte sich über mehrere Wochen, während derer er ein Pendel perfektionierte und sich Möglichkeiten ausdachte, um ausreichendes Licht zu bekommen. Nachdem er vorher ruhelos und schwankend schien, hielt er jetzt hartnäckig an den zu lösenden Problemen fest. Es gefiel ihm, sich ständig mit einem interessierten Erwachsenen auszutauschen, aber normalerweise fragte er nicht um Rat.

Mein drittes Beispiel von dem Unterschied zwischen den üblichen Anforderungen von Erwachsenen und den Bedürfnissen von Kindern kommt noch einmal aus den Grundsätzen für Tamariki.

Grundsätzliches zum Thema Unordnung.

Grundprinzip: Bei Kindern dieser Altersgruppe [von vier bis dreizehn] werden Kreativität und Lernen durch ein gewisses Maß an Unordnung gefördert.

Sinn und Zweck: Eine Umgebung bereitzustellen, in der Aktivitäten bis zu ihrem natürlichen Abschluss durchgeführt werden können und nicht willkürlich durch die Aufforderung der Erwachsenen, aufzuräumen, unterbrochen werden.

Und am Ende

Schlussfolgerung: Da in der Schule wiederholt beobachtet worden ist, daß die Phantasie der Kinder am stärksten bei einem gewissen Maß an Unordnung angeregt wird, sollen Erwachsene sich davor hüten, Ordnung in Bereichen zu verlangen, von denen sie nicht persönlich und unmittelbar betroffen sind.

Für mich als Erwachsener ist das wichtigste Element der sogenannten demokratischen Erziehung weder die Struktur noch der Umfang der Macht der Kinder noch irgendein pädagogisches System noch eine abstrakte Idee von Kinderrechten, sondern einfach ein Respekt für jedes einzige Kind. Daher gebe ich jetzt keine Theorie mehr, sondern einfach die Worte von Leuten, die einen solchen Respekt wirklich erfahren haben.

Zuerst Matt Williams aus Sands School, der ungefähr vierzehn Jahre alt war, als er folgendes gesagt hat:


Der wichtigste Grund dafür, warum ich Sands mag, ist die Atmosphäre. Das allgemein voherrschende Gefühl an der Schule ist Verständnis. Weil die Schule so klein ist, kennt jeder jeden wirklich gut. Das bedeutet nicht, dass jeder jeden auch jeden Tag mag, denn natürlich sind alle Leute mit denjenigen zusammen, die sie am meisten mögen. Sands ist einfach nur ein Ort, wo das passieren kann. Wenn man zum Beispiel jemanden hat, der mit jemand anderem aus einer vollkommen anderen Altersgruppe befreundet ist, dann können sie immer noch zusammensein, auch wenn sie überhaupt keine Schulstunden zusammen haben. Ich weiss, dass das in gewöhnlichen Schulen nicht verboten ist, aber es passiert nicht so häufig, weil Tabus die verschiedenen Altersgruppen auseinanderhalten. Das andere, was ich an Sands liebe, ist die Redefreiheit, die jeder hat, und die Gleichheit, die dadurch gefördert wird. Jeder kann mit jedem über jedes beliebige Thema sprechen. Natürlich gibt es bestimmte Dinge, die man bestimmten Leuten nicht sagen will. Das bedeutet auch, dass die Kluft zwischen Lehrern und Schülern ganz offensichtlich viel kleiner ist als in jeder anderen Schule. Es gibt immer noch einen Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern. Das liegt daran, dass ein Erwachsener weitaus mehr Erfahrung in den meisten Dingen hat als praktisch jedes Kind. Auf der anderen Seite ist es auch so, dass die meisten neuen Ideen von Kindern stammen, weil es wesentlich mehr Kinder als Erwachsenen in der Schule gibt und Kinder oft sehr viel erfinderischer sind als Erwachsene.

Jetzt, Shiraz Grinboam, aus der Demokratischen Schule von Hadera in Israel. Sie war siebzehn, achtzehn Jahre alt, als ich dieses Gespräch auf Tonband aufgenommen habe:

Shiraz: In den ersten Jahren habe ich nur herumgehangen. Ich habe viel Zeit mit meinen Freunden verbracht. Wir hatten eine sehr starke Gruppe von Leuten aus allen möglichen Altersgruppen und Landesteilen, die hierher kamen. Die Schule war kleiner, und wir hatten viel Zeit, um einfach nur herumzustreifen. Ich habe in diesen zwei Jahren nur Literatur studiert, und danach kam das Bagrut und dann fing ich an zu begreifen, wie sehr ich mich hätte vorbereiten sollen, weil es viel Zeugs gab, bei dem ich mich nicht auskannte, wie zum Beispiel mich auf Prüfungen vorbereiten und Aufsätze schreiben. Ich war sehr verblüfft, so was wie "Wow, was ist das?" und ich überwand das, und dieses Jahr lerne ich fast ganz allein für alle Prüfungen, und ich glaube, dass ich sehr viel Verantwortung und Disciplin gelernt habe, um meine eigenene Ziele zu erreichen, und das ist etwas sehr Gutes, weil ich bei vielen anderen Leute sehe, dass sie sehr viel weniger Verantwortungsgefühl haben, weil man ihnen in der Schule viel zu sehr gesagt hat, was sie tun sollen.

David: Also, was lernst du gerade?

Shiraz: Jetze lerne ich gerade für fünf Prüfungen: Englisch, Kunstgeschichte, Geschichte des jüdischen Volkes und Aufsatz. Und die Bibel.

David: Und du lernst auch Cellospielen.

Shiraz: Ja. Und ich tanze.

David: Tanzt du hier in der Schule?

Shiraz: Wir haben hier eine hervorragende Lehrerin. Aber Cellospeielen lerne ich ausserhalb der Schule ... Diese zwei Jahre waren eine gute Sache. Es war wie Erwachsen-Werden. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken.

John Davies war in Dartington Hall School zwischen 1938 und 1942, und ich habe ihm einen Brief geschrieben, als ich begann, Beiträge von früheren Schülern zu versammeln.

Ja, ich hebe Ihren Brief bekommen – aber ich haben ihn beiseite gelegt, denn je mehr ich darüber nachgedacht haben, um so lächerlicher, absurder und (wahrscheinlich) unglaublicher erschienen mir meine Gedanken über Dartington.

Deshalb, obwohl mir rückblickend meine wenigen kurzen Jahren in Foxhole [die Oberschule in Dartington] als die wervollsten meines Lebens im Gedächtnis geblieben sind, würde ich es schwierig finden zu erklären, wie sie mich zu einem glücklichen, wenn auch überaus selbstkritischen Menschen gemacht haben, der eine Reihe von Werten hat, von deren Qualität ich notwendigerweise überzeugt bin, die aber dennoch für die Welt um mich herum unangemessen sind.

Unangemessen insofern, als ich lieber gebe als nehme. Ich glaube, ich könnte Dartington für meinen Mangel an finanziellem Ehrgeiz verantwortlich machen, ebenso, wie ich Dartington dafür danken muss, dass es mich mit dem ausgestattet hat, worauf ich zwei erfolgreiche Karrieren aufbauen konnte – im Bereich der Musik und der Wiederentdeckung und Wiederherstellung von Tönen.

Ich könnte das "das" nicht definieren – obwohl ein weiteres Nebenprodukt eine mir lieb und teuere gewordene Fähigkeit ist, das "Gute" zu geniessen, ohne es mit dem "Schlechten" ausgleichen zu müssen – und es scheint mir, als ob das ein wahrnehmbarer Teil des Geists von Dartington war.

Dankbar zu sein lässt sich kaum mit 'sich freuen' vergleichen; und es ist vielleicht der Zustand der Freude und seine nicht-ananlytisch Natur, die mich daran hindern, einen nützlichen Beitrag zu dem Buch über Dartington zu schrieben ... aber vielleicht kann es von der Einbeziehung dieses "Anti"-Beitrags profitieren.

Ich weiss, selbst wenn ich mich hinsetzen und immer wieder versuchen würde zu schreiben, könnte ich es nicht richtig machen!

Und schließlich ein Aufsatz von Jessica Cawston, einem vierzehnjährigen Mädchen aus Tamariki, das vor einem Jahr in eine Oberschule hatte umziehen müssen.

 

Wenn ich nur die Sprache richtig sprechen könnte. Wenn ich mich nur an das komplizierte Ratespiel anpassen könnte, das sich "Erziehung" nennt. Die Rollen von SchülerInnenn, LehrerInnenn und Eltern sind klar definiert, aber trotzdem kann ich mich irgendwie nicht dazu bringen wertzuschätzen, wie ich mich verhalten soll. Es wird erwartet, daß man vom ersten Schultag an die einzigartige Sprache und die Sitten des staatlichen Schulsystems erlernt. Man muß seinen Platz kennen und wissen, was man sagen darf und wann man es sagen darf. Man muß lernen, nicht viele Fragen zu stellen und nicht dem Standpunkt der LehrerIn zu widersprechen, sondern dazusitzen und es über sich ergehen lassen. Antworten darf man nur geben, wenn man gefragt wird; Fragen darf man nur stellen, wenn man dazu aufgefordert wird ­ diese Sprache sprechen.
Das Problem ist natürlich, was passiert, wenn einem die Sprache nicht beigebracht wurde; was passiert, wenn man auf eine Schule gegangen ist, in der ganz anders gesprochen wurde. Ein freier, ausdrucksvoller Dialog ohne Regeln, ohne Konventionen, nur Ehrlichkeit und manchmal Unverblümtheit, wo man sagte: "Tu das bitte nicht, das ärgert mich," oder "ich bin da vollkommen anderer Meinung," anstatt einfach nur wegzugehen und still zu bleiben. Es ist schwer, eine neue Sprache zu lernen, wenn man dreizehn Jahre alt ist; es ist schwer, die alte aufzugeben, und ständig die neue Sprache zu benutzen. Und für jemanden, der einen starken Willen hat, einst geachtet, jetzt mißachtet, ist es noch schwerer, eine Sprache zu lernen, die so kalt und gleichgültig ist.

 

 

Für mich hat Jessica demokratische Erziehung am Besten definiert:-

'Ein freier, ausdrucksvoller Dialog ohne Regeln, ohne Konventionen, nur Ehrlichkeit und manchmal Unverblümtheit.' Ich würde nur ein Wort hinzufügen: Respekt.

Demokratische Erziehung heißt ein freier, ausdrucksvoller Dialog ohne Regeln, ohne Konventionen, nur Ehrlichkeit, Respekt und manchmal Unverblümtheit.